Leben mit AD(H)S

ADHS- / Autismus-Meltdowns: Wenn alles zu viel wird

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Du bist unterwegs in der Stadt und merkst, wie dein Körper anfängt, sich zu verspannen. Die grelle Sonne tut in den Augen weh und bereitet dir Kopfschmerzen. Die vielen unterschiedlichen Geräusche nehmen in deinem Kopf eine Lautstärke an, wie sie auf dem Nürburgring nicht schlimmer sein könnte. Ständig musst du anderen Menschen ausweichen, die Gerüche wechseln alle paar Meter, die Taschen werden immer schwerer. Du merkst, wie dein Herz anfängt, zu rasen. Das Atmen fällt dir so schwer, als würdest du versuchen, Sirup anstatt Luft in deine Lungen zu ziehen. Die anderen Menschen machen dich aggressiv, deine eigene “Unzulänglichkeit” traurig und frustriert. Plötzlich läuft dir im Geschäft jemand vor die Füße und stößt fast mit dir zusammen. Du lässt den Einkaufswagen an Ort und Stelle stehen, verlässt im Eiltempo das Geschäft, suchst dir eine ruhige Ecke, wo niemand dich sehen kann – und brichst in Tränen aus. 

Meltdowns im ADHS und Autismus: ein lauernder Begleiter

Das, was ich gerade beschrieben habe, nennt sich Meltdown und kommt sowohl bei ADHS-lern als auch bei Autisten häufiger vor, als uns lieb wäre. Gerade bei undiagnostizierten Personen – also Menschen, die noch gar nichts von ihrer ADHS oder ihrem Autismus wissen – treten Meltdowns häufiger auf als bei Menschen, die ihre Diagnose bereits erhalten haben. 

Warum ist das so? Größtenteils, weil sie nicht wissen, dass sie Meltdowns erleben und vor allem, warum! ADHS-ler und Autisten, die ihre Diagnose bereits erhalten haben, befassen sich nach und nach mit den Dingen, die für sie schwer sind, die sie negativ beeinträchtigen oder auch überfordern können. Daher können sie versuchen, eben diese Faktoren zu verringern. 

Treten Meltdowns nur bei Erwachsenen auf? Nein! Auch junge ADHS-ler und Autisten erleiden schon Meltdowns. Nur werden diese häufig ohne Diagnose nicht alt solche erkannt. 

Was genau sind Meltdowns?

Meltdowns kommen zustande, wenn ein ADHS-ler oder Autist über einen länger anhaltenden Zeitraum von verschiedenen Reizen überlastet wird. Das Gehirn kann all diese Reize nicht mehr verarbeiten. Dem Körper wird der ganze Stress und die vielen Reize zu viel und er sucht nach einem Ventil, um den aufgestauten Druck abzubauen

Meltdowns sind also ein unfreiwilliger, beobachtbarer Ausbruch emotionaler und/oder physischer Energie. Sie können sich in vielen verschiedenen Varianten äußern – so vielfältig wie die Menschen auf dem Spektrum selbst. 

Anders als oft angenommen, ist ein Meltdown kein Verhaltensproblem. Wir tun das nicht, wir agieren nicht bewusst. Wir erleben ihn. 

Wie äußern sich Meltdowns?

Dieser vorangehende Overload – die Überlastung – kann schrittweise und mit Vorwarnungen passieren. Erkennt man diese, kann man eventuell noch gegensteuern. Doch das Glück haben wir nicht immer.

Für Außenstehende ist ein Meltdown schwer zu erkennen, da er sich von Person zu Person und von Situation zu Situation verschieden äußern kann. Manche brechen einfach nur weinend zusammen, andere schreien laut herum, wieder andere werfen mit Gegenständen um sich. 

Bei mir zum Beispiel äußern sie sich meistens darin, dass ich unkontrolliert anfange zu weinen und das auch nicht akut abstellen kann. Das kann von ein paar Minuten bis hin zu ein paar Stunden dauern.

Gerade bei autistischen Kindern, die nicht diagnostiziert sind, werden Meltdowns oft verkannt, denn in der Kindheit äußern sie sich öfter durch Aggressivität und physische Ausbrüche. Deshalb werden sie meistens als kindliche Wutausbrüche gesehen, das Kind als sehr lebhaft oder trotzig abgestempelt. 

Was verursacht Meltdowns im ADHS und Autismus?

Meltdowns können durch unterschiedliche Trigger ausgelöst werden. Diese Trigger können einzeln auftreten oder auch in Kombination. Mögliche Trigger sind beispielsweise: 

Sensorische Reize wie Licht, Geräusche, Farben, Temperatur, Gerüche, Geschmäcker oder auch Anfassen

Unerwartete und plötzliche sensorische Reize wie lautes Knallen, Klatschen, Stolpern, Fallen, lautes Hupen

Veränderung wie neue Abläufe im Arbeitsalltag, spontane Umwege, die man nicht kennt, neue Menschen, eine neue Schule, ein Umzug, ein Jobwechsel

Kognitive Informationsverarbeitung wie zu versuchen, Anleitungen zu lesen, zu verstehen und zu befolgen; Hausaufgaben, ; Planen; Organisieren; Multi-Tasking

Kommunikationsschwierigkeiten wie nicht angehört werden, nicht die richtigen Worte finden, nicht sprechen können

Emotionen wie Traurigkeit, Ärger, Empathie, Ungerechtigkeit, Wut

Die 3 Phasen des Meltdowns

Ein Meltdown läuft normalerweise in drei Phasen ab: Prä-Meltdown, Mid-Meltdown, und Post-Meltdown. Der Prä-Meltdown lässt sich mit einem Schnellkochtopf vergleichen. Der Druck baut sich auf, bis das kleine Knöpfchen am Deckel hochspringt. Das Signal, dass der Druck abgebaut werden muss, bevor er zu viel wird. Leider fehlt uns so ein deutliches Signal. Unser Körper ist komplett angespannt, oft können wir unsere Gedanken nicht mehr in Worte fassen. Manchmal fühlen wir extremen Bewegungsdrang, bis hin zum Fluchtreflex. Und manchmal fühlen wir uns komplett unbeweglich, wie paralysiert. Nach außen hin zeigt sich der Prä-Meltdown meist durch zunehmendes Stimming, gesteigerte Angst, man stellt wiederholt Fragen, um sich rückzuversichern

Bleiben wir beim Beispiel Schnellkochtopf, dann ist der Mid-Meltdown die Phase, in denen der Topf explodiert. Ich “explodiere” in Weinen, manchmal Schreien, bei anderen können auch Aggressionen und Selbstverletzung hinzukommen. An diesem Punkt haben wir keinerlei Kontrolle mehr über die Situation.  Zusätzliche Personen, die einen mit Fragen bestürmen, sind in dieser Situation übrigens alles andere als hilfreich. Jede Frage, jede zusätzliche aufgezwungene Kommunikation – auch, wenn sie einen beruhigen soll – macht es nur noch schlimmer. Nach außen hin kann sich diese Phase durch schreien, brüllen, knurren, weinen, aber auch treten, schlagen oder auch mit Kopf und Fäusten gegen Wand und Boden schlagen äußern. 

Die Post-Meltdown-Phase zeigt sich meist in absoluter Erschöpfung. Je nachdem, wie sich die vorangegangene Phase  geäußert hat, können auch Schmerzen hinzukommen. Nicht selten geht die Person dann in einen sogenannten Shutdown über. Dieser kann von ein paar Minuten bis zu mehreren Tagen dauern.  Passiert der Meltdown in der Öffentlichkeit, dann mischt sich meist noch Scham dazu. Die Person fühlt sich dann ziemlich schlecht, ihr ist der Ausbruch peinlich. 

Erste Hilfe in den einzelnen Meltdown-Phasen

Jeder Mensch tickt anders – auch als ADHS-ler oder Autist. Deshalb lässt sich nicht verallgemeinernd sagen, welche Maßnahmen immer und zu 100 % helfen. Ich kann aber zumindest mal aus meiner Erfahrung und was ich im Austausch mit anderen ADHS-lern und Autisten erfahren habe ein paar Anhaltspunkte geben, die helfen können

Prä-Meltdown

Wenn man merkt, dass sich ein Meltdown anbahnt, ist es wichtig, den Druck abzubauen. Nicht jeder mag in so einer Situation angefasst werden, deshalb bitte nicht einfach umarmen, wenn das vorher nicht mit der betroffenen Person abgesprochen wurde. Ich kann Berührungen dann zum Beispiel überhaupt nicht ausstehen. Sie setzen mich noch mehr unter Druck, anstatt den wegzunehmen. Mögliche Hilfen können sein: 

  • Stimming (stimmlich oder physisch)
  • schnelles Gehen oder Rennen
  • auf der Stelle hüpfen
  • in ein Kissen schlagen oder schreien

Mid-Meltdown

Ist der Meltdown bereits im Gange, ist vorsichtiges Handeln gefragt, damit man nicht versehentlich noch Dinge tut, die den Meltdown sogar noch schlimmer machen. 

  • Mögliche Trigger entfernen, sofern man weiß, was den Meltdown ausgelöst hat
  • zuhören und die Aussagen der Person respektieren! (Ein “Sei still” oder “bleib weg” sind nicht böse gemeint und sollten beachtet werden!)
  • Zeigt sich der Meltdown in aggressivem oder sehr physischem Verhalten (um sich schlagen, etc.) gefährliche Dinge aus dem Weg räumen. Notfalls die Person an einen sicheren Ort bringen. 
  • Möglichst viele Reize in der Umgebung entfernen (Licht aus, Blenden runter, Geräusche reduzieren, etc…), ruhig sprechen
  • Sind Dinge in der Umgebung vorhanden, die der Person helfen können (wie eine Notfall- oder Skills-Tasche), diese in Reichweite der Person legen und sie darüber informieren

Erwartet keine Antworten oder Reaktionen von der Person. In diesen Situationen sind wir oft nicht mehr fähig, zu sprechen oder vernünftig zu reagieren

Post-Meltdown

Klingt der Meltdown langsam ab, gibt es verschiedene Sachen, die helfen können, sich davon zu erholen: 

  • Stimming
  • Reize weiter reduziert halten
  • etwas essen oder trinken (wenn gewünscht)
  • reden / nicht reden (auf die betroffene Person hören!)
  • sich ausruhen oder schlafen

Wichtig ist auch hier: Achtet darauf, was euch die betroffene Person sagt oder – wenn ihr selbst die betroffene Person seid – euer Körper. Nach einem Meltdown sollte man zur Ruhe kommen und Dinge tun, die einem guttun. Das ist komplett individuell und was einer Person guttut, kann bei anderen direkt den nächsten Meltdown auslösen. Deshalb bitte nie etwas “aufdrängen”, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass es einem selbst gutgetan hat. 

Meltdowns im ADHS und Autismus effektiv vermeiden

Prinzipiell lässt sich leider nicht jeder Meltdown vermeiden, da sie von unterschiedlichen Faktoren ausgelöst werden. Ich finde es daher wichtig, darauf zu achten oder nach einem Meltdown zu reflektieren, wodurch dieser ausgelöst wurde. Zeigt sich, dass bestimmte Auslöser bei dir oder bei Bekannten von dir häufiger Meltdowns auslösen, sollte man schauen, ob man diese vielleicht reduzieren oder sogar umgehen kann. 

Zum Beispiel: Wenn ich weiß, dass ich auf eine Messe, ein Festival oder ein Konzert gehe, nehme ich immer meine Ohrstöpsel mit. Die reduzieren die Lautstärke und so zumindest diesen Teil der Reize. 

Am Arbeitsplatz kann man gegebenenfalls die Jalousien oder Blenden herunterlassen, um grelles Licht zu verhindern, die Tür schließen oder Noise-Cancelling-Kopfhörer tragen, um die Geräusche zu reduzieren. Letzteres ist auch eine gute Option zum Einkaufen. Ob simple Lärmschutz-Kopfhörer oder Bluetooth-Kopfhörer, mit denen man seine Lieblingsmusik hören kann – das ist egal. 

Genug Ruhepausen einplanen

Gerade als ADHS-ler und/oder Autist ist es wichtig, Ruhepausen einzubauen und darauf zu achten, dass man sich zwischendurch erholen kann. Dazu gehören freie Tage – wenn möglich – und eine möglichst ausgewogene Verteilung der Urlaubstage.

Ich selber bin ein Workaholic, der seine Arbeit liebt – und ich kenne die Problematik, dass ich den Urlaub so lange schiebe, bis ich kurz vorm Burnout stehe. Weil ich alles wichtig finde und nichts warten kann und auch niemand übernehmen kann. Zumindest empfindet mein Gehirn das oft so.  

Leider ist das Ende vom Lied dann oft, dass ich so ausgebrannt und erschöpft bin, dass ich von meinem Urlaub kaum etwas habe, weil ich die meiste Zeit brauche, um meinen Akku wieder aufzuladen. 

Stress ist ein großer Faktor unter den Meltdown-Auslösern. Denn durch die Anspannung aufgrund des Stresses reagieren wir auch stärker auf de anderen Faktoren. 

Große Veränderungen sorgfältig planen

Veränderungen wie ein Jobwechsel oder ein Umzug sind immer sehr stressig für uns. Deshalb sollten wir hier genau planen und schauen, dass wir uns die Veränderung so viel wie möglich erleichtern. Freie Tage vorher und nach einem Umzug helfen, sich zu akklimatisieren.

Keine vollen Terminkalender nach der Arbeit zu Beginn eines Jobwechsels helfen, nach Feierabend abschalten zu können und sich leichter an den neuen Job zu gewöhnen.  

Und jetzt zu dir

Hast du dich schon mal in einem Meltdown oder Shutdown befunden? Oder erlebst sie bei anderen im Freundes- oder Verwandtenkreis? Wie gehst du oder wie geht ihr damit um? 

Ich würde mich freuen, von deinen Erfahrungen zu lesen. Schreib sie mir in die Kommentare! 

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1982er Baujahr, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und ADHS. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de

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