ADHS Masking
Leben mit AD(H)S

ADHS und Masking: Warum Tarnung nicht alles ist

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Wenn du bereits deine ADHS-Diagnose hast oder zumindest den Verdacht, ADHS zu haben, wirst du dich bestimmt schon etwas genauer darüber informiert haben und über den Begriff “Masking” gestolpert sein. Und vielleicht hast du dir – genau wie ich damals gedacht: “Hm? Was soll das denn sein?” Etwas, das viele neurodivergente Menschen tun. Schauen wir uns mal zusammen an, was Masking genau heißt und warum es auf Dauer nicht die beste Lösung für uns ADHSler ist. Vielleicht erkennst du dich ja in dem einen oder anderen Beispiel wieder. 

Was heißt eigentlich Masking im ADHS-Kontext?

Vorab einmal zum Verständnis: “Masking” kommt aus dem Englischen und bedeutet, sich zu maskieren, verdecken, ausblenden oder tarnen. Im Zusammenhang mit ADHS bedeutet Masking, wir präsentieren uns auf eine Weise, die uns so wirken lässt, als hätten wir keine neurobiologische Störung. Klingt im ersten Moment gar nicht so schlecht, hm? Warten wir’s ab. 

Oft kopieren wir das Verhalten der Menschen um uns herum, um nicht unangenehm aufzufallen. Denn negative Reaktionen haben wir ADHSler im Laufe unseres bisherigen Lebens schon genug gesammelt. Wir möchten dazugehören, akzeptiert werden. Wenn es sein muss, “verkleiden” wir uns dafür auch. Wie kann sowas aussehen? 

Beispiele für Masking im ADHS-Alltag

Die meisten neurotypischen Personen können mit dem Begriff “Masking” erstmal nicht viel anfangen. Aber auch ADHS-Betroffene bzw. neurodivergente Menschen, die vielleicht noch nicht diagnostiziert sind, bzw. sich noch nicht so viel mit der jeweiligen Kondition (Störung klingt immer so blöd, finde ich) auseinandergesetzt haben, sind sich oft nicht bewusst, dass sie überhaupt Masking betreiben. Dabei ist das nicht nur auf neurodivergente Menschen festgelegt. Auch neurotypische Menschen wenden es manchmal bewusst oder unbewusst an, um irgendwo “besser reinzupassen”. Bei ADHSlern oder Autisten beispielsweise kommt es aber besonders häufig vor, weil wir mit unserem normalen Verhalten oft doch ziemlich aus der Masse hervorstechen würden. Schauen wir uns mal ein paar Beispiele an:

  • Die halbe Stunde, die ich eher losgehe, um nur ja bei wichtigen Terminen – oder auch zur Arbeit – nicht zu spät zu kommen?  – Das ist Masking! Weil ich in der Vergangenheit festgestellt habe, dass ich oft “auf den letzten Drücker” losgegangen bin und das häufig zu Verspätungen oder unnötigen Stress für mich geführt hat, nehme ich lieber immer eine Bahn, Bus oder einen Zug früher, um ausreichend Zeitpuffer zu haben. 
  • Das krampfhafte Stillhalten, wenn dein Kollege dich ansieht, weil du permanent mit deinem Kugelschreiber herumspielst? – Auch das ist Masking
  • Lieber überhaupt nichts zu sagen, aus der Angst heraus, etwas Falsches zu sagen und sich dann zu blamieren? – Auch das ist Masking. Wir sind extrem vorsichtig mit dem, was wir sagen, obwohl wir naturgemäß das erste raushauen würden, das uns in den Sinn kommt – und dabei oft Leute unterbrechen. 
  • Sich alle paar Minuten versichern, dass man auch alles dabei hat? Ihr ahnt es schon: Masking! Da wir ADHSler dazu neigen, viele Dinge zu vergessen, versuchen wir mit allen Mitteln (nachschauen, Handyreminder, Timer, Post-its, …), genau das zu vermeiden. 
  • Unsere Probleme für uns behalten, auch wenn es uns schlecht geht? Auch das zählt zu Masking, denn wir möchten nicht negativ bewertet werden oder jemandem zur Last fallen. 
  • Jedes kleinste Bisschen in Gesprächen oder Meetings mitschreiben? Masking. Denn wir haben häufig ein großes Problem, uns an Dinge zu erinnern, die wir vor relativ kurzer Zeit gehört, gesagt oder getan haben. Unser Arbeitsgedächtnis ist am meisten von unserer ADHS betroffen und um genau diese Gedächtnisprobleme zu umgehen, schreiben wir so ziemlich alles auf, das auch nur halbwegs interessant und wichtig klingen oder werden könnte. 

Na, kommt dir das eine oder andere bekannt vor? Und das waren jetzt nur ein paar Beispiele. Es gibt unzählige Optionen, wie wir Masking in unserem Alltag einsetzen. 

Ist Masking immer schlecht?

Sich anzupassen ist nicht grundsätzlich schlecht. Gerade solche Mechanismen wie eher losgehen, sich Sachen aufschreiben – die dir einiges an Stress ersparen – sind sogar ganz nützlich. Wenn du allerdings permanent gegen deine Natur agierst – also krampfhaft stillsitzt, obwohl du sprichwörtlich die “Hummeln im Arsch” hast oder dir Spielereien mit Kugelschreibern, sonstigen Stiften oder Fidget-Toys helfen würden, ruhiger zu bleiben; du lieber gar nichts sagst und deine Performance so negativ beeinträchtigst, … – dann raubt uns das ziemlich viel Energie.

Energie, die wir dazu einsetzen, wie jemand zu wirken, der wir nicht sind. Energie, die wir in anderen Bereichen so viel besser einsetzen könnten und wahrscheinlich auch viel nötiger brauchen. Denn oft haben wir ja nicht nur ADHS selbst im Gepäck, sondern auch noch Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder ähnliche psychische Störungen. Und dann kann es schon ziemlich kritisch werden, denn irgendwann haben wir nicht mehr die Energie, diese Maskerade aufrechtzuerhalten. Dann beginnt die Fassade zu bröckeln, unsere ADHS-Symptome werden vielleicht sogar stressbedingt verstärkt. Unser ganzes aufgebautes Gebilde stürzt zusammen. 

Auswirkungen von ADHS-Masking

Wir haben uns jetzt schon ein paar Beispiele angeschaut und darüber gesprochen, dass dauerhaftes Masking bei ADHS sich negativ auswirken kann. Aber wie genau wirkt es sich aus? Das schauen wir uns jetzt an. 

  1. Masking führt dazu, dass ADHS-Symptome oft nicht oder sehr spät erkannt werden, was eine verlässliche Diagnose stark verzögern kann. 
  2. Betroffene Personen wissen vielleicht gar nicht, dass sie ADHS haben, so dass das “unerwünschte Verhalten” bei Ihnen zu Depressionen und Angststörungen führen kann. 
  3. Manche Menschen perfektionieren das ADHS-Masking. Wenn sie dann jedoch zugeben, dass es ihnen nicht gut geht oder sie Probleme haben, kann es passieren, dass ihnen niemand glaubt. 
  4. Der äußere Druck des Maskings führt zu verstärktem inneren Druck. Um diesem standzuhalten, rutschen manche Betroffenen in verschiedene Suchtverhalten ab. 
  5. Wir verlieren uns selbst, wenn wir nur noch mit dem ADHS-Masking beschäftigt sind. Wir haben das Gefühl, nicht mehr wir selbst sein zu können und spielen lieber verschiedene Rollen, damit andere Menschen uns mehr mögen. 

Mit ADHS-Masking umgehen

Wenn du erkennst, dass du Masking einsetzt, kannst du auch lernen, wie du damit umgehst, ohne dich selbst zu verlieren. Zum Beispiel kannst du neue Skills lernen, um alles zu managen. Das macht das Leben viel leichter, als ständig deine Probleme zu verstecken. 

  • Erkenne, welches Masking dir wirklich guttut und dir Stress nimmt und welches dir eher mehr Stress verursacht. Sich von Perfektionismus zu verabschieden wird dir zum Beispiel einiges an Druck nehmen, bedarf aber auch einiges an Übung. 
  • Lerne, mit deinen Gefühlen und Emotionen umzugehen, anstatt sie zu umgehen. Therapeut*innen oder Coaches können dabei helfen. 
  • Erkenne, dass du nicht alleine bist. Es gibt so viele andere, die den Alltag genauso kompliziert wie du erleben und sich ebenso alleine fühlen. Klar wissen wir, dass wir nicht alleine sind, aber wirklich Menschen mit denselben Problemen kennenzuöernen und sich mit ihnen austauschen zu können ist ein absoluter Meilenstein. Ich kann dir dafür nur Selbsthilfegruppen empfehlen. Ob bei dir vor Ort oder online ist dir selbst überlassen. Ich selbst bin in einer Selbsthilfegruppe auf Discord und habe viele nette Menschen auch über Instagram kennengelernt. Das hat mir ungemein geholfen, besser mit mir selbst klarzukommen. 

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1982er Baujahr, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und ADHS. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de

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