Arbeit darf keinen Spaß machen! Oder etwa doch?

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Arbeit darf keinen Spaß machen! Oder etwa doch?

Ich hatte letztens wieder eine Diskussion. Eine von vielen. Diesmal zum Thema “Arbeit und Spaß”. Ich hatte eigentlich gedacht, ich könnte davon ausgehen, dass wir heutzutage nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob wir uns unseren Job nach Gefallen aussuchen können. Ich wurde in der eigenen Bekanntschaft eines “Besseren” belehrt. Und diese Erkenntnis macht mich fuchsig. So richtig.

Als meine Tochter auf die weiterführende Schule wechselte, wurde automatisch auch das Thema “Berufswahl” für uns aktuell und seitdem immer greifbarer. Ich habe ihr von Anfang an gesagt: “Wichtig ist, dass du dir einen Job aussuchst, der dir Spaß macht. In dem du gut bist.” In manchen Teilen unserer Familie und in unserem Bekanntenkreis lösen diese Aussagen Herzrasen, Schnappatmung und chronisches Augenzucken aus. Pures Entsetzen darüber, wie ich denn “meiner Tochter solche Flausen in den Kopf setzen könne”!

Das wiederum sorgt bei mir für Schnappatmung und zuckende Augenlider. Denn es zeigt mir, dass für viele Menschen der Wunsch, Spaß an der Arbeit zu haben, völlig unbegreiflich ist.

Arbeit muss keinen Spaß machen, …

… sie muss deine Rechnungen bezahlen. Ja. Das mag so stimmen. Sie MUSS keinen Spaß machen. Aber immerhin hängen wir in den allermeisten Fällen viele Jahre in demselben Job “fest”. Früher mag man vielleicht seinen Beruf unter den Gesichtspunkten ausgewählt haben, welcher einem das meiste Geld bringt. Das mag für einige auch heute noch funktionieren, wenn sie den Job wirklich nur als Mittel zum Zweck – nämlich zum Geldverdienen – ansehen.

Auch schön sind solche Aussagen wie: “Heutzutage muss man schon froh sein, wenn man überhaupt einen Job hat.” Das ist meiner Meinung nach Unsinn! Es gibt genügend Arbeit. Nur sieht diese eben anders aus, als noch vor 20 Jahren. Die Zeiten haben sich eben gewandelt und mit ihnen die Jobs. Für die älteren Generationen vor mir ist das vielleicht schwierig, weil sie ihren Job gelernt haben und es bei ihnen nicht so leicht ist, einfach umzuschulen. Meiner Generation und allen darunter stehen mehr Möglichkeiten offen denn je. Umso wichtiger finde ich es, dass du den richtigen Job für dich findest.

Ganz nüchtern betrachtet, verbringen wir mindestens 8-9 Stunden täglich mit unserem Beruf. Wenn wir die Überstunden und den Arbeitsweg einmal außen vor lassen. Ziehen wir dann noch die Zeit zum Schlafen, für Hausarbeit und Einkaufen etc. von der restlichen Zeit ab, bleibt de facto nicht mehr allzu viel übrig von unserem Tag. Und dieser Rest hängt dann auch noch von den Arbeitszeiten ab. Wenn ich erst um halb acht abends zu Hause bin, ist unter der Woche nicht mehr allzu viel los.

Und jetzt überleg dir, dass du den Job, den du da den Großteil deines Tages machst, überhaupt nicht magst. Oder krasser ausgedrückt: Er kotzt dich an! Weil er nicht zu dir passt, weil du trotz Arschaufreißens einfach nicht gut genug zu sein scheinst, weil du wichtige Tätigkeiten einfach überhaupt nicht gerne machst. Die kannst du nur leider auch absolut nicht umgehen.

Dann hast du genau zwei Möglichkeiten: Du beißt die Zähne zusammen, kneifst die Arschbacken zusammen und ziehst das Ding durch. Bis zum bitteren Ende. Wie auch immer das aussehen mag. Oder du suchst dir einen Job, der zu dir passt und den du gerne machst.

Warum nicht gleich so?

Warum ist es jetzt unter diesen Gesichtspunkten so abwegig, direkt von Beginn an einen Berufsweg zu wählen, der zu dir passt und der dir Spaß macht? Sich das ganze Herumgeeiere vorab ersparen. Den ganzen Frust und Ärger und die verschwendete Zeit.

Warum ist es so abwegig, direkt einen Beruf zu ergreifen, bei dem du sagen kannst: “Den würde ich gerne auch in zehn Jahren noch machen”? Was spricht dagegen? Ist Spaß etwa ein Zeichen dafür, dass es kein “richtiger” Job ist? Ich denke nicht!

Wenn ich direkt zu Beginn den passenden Beruf für mich ergriffen hätte, dann wären mir viel Frust und die eine oder andere schlaflose Nacht erspart geblieben. Diesen Frust möchte ich meinem Kind gerne ersparen. Darum ist es mir wichtig, dass sie sich vor der Berufswahl ein paar Dinge überlegt:

  • Was interessiert mich?
  • Wie wichtig ist mir Karriere?
  • Wie wichtig ist mir ein hohes Gehalt?
  • Worin bin ich gut?
  • Was möchte ich dazulernen?
  • Kann ich mir vorstellen, diesen Job auch in zehn Jahren noch zu machen?

Ohne Studium nichts wert?

Als ich auf dem Gymnasium war, hieß es: “Du musst studieren, wenn du etwas Vernünftiges werden willst!” Aus heutiger Sicht kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Denn durch solche Aussagen werden ganze Berufszweige verunglimpft. Die meisten Handwerksberufe sind eher Ausbildungsberufe anstatt Studienberufe. Sind sie etwa nichts “Vernünftiges”?

Wie wichtig ist heutzutage ein Studium noch? Zumindest, wenn es sich nicht um Berufe wie Arzt oder Anwalt oder ähnliches handelt. Es gibt durchaus Berufe, da sehe ich ein Studium als zwingend notwendig an. Aber viele, die einfach nicht wissen, was sie beruflich machen wollen, studieren BWL. Oder Geisteswissenschaften. Nicht selten ergreifen sie aber später Berufe, die mit dem gewählten Studium absolut nichts zu tun haben.

Wenn du dir vorab Gedanken machst, welches Studium zu deinem angestrebten Beruf passt, um dich zu unterstützen und dein Wissen auszubauen, dann ist das okay. Ich persönlich finde aber, dass bei manchen Berufen immer noch viel zu viel Wert auf ein vorhandenes Studium gelegt wird.

Menschen, die diesen Beruf gelernt haben oder sogar Quereinsteiger bringen mindestens genauso viel Leidenschaft mit, wenn nicht sogar manchmal noch mehr. Denn sie haben sich bewusst für diesen Weg entschieden und oftmals durch Learning by Doing und zahlreiche Rückschläge ihre Erfahrungen gesammelt. Wenn sie sich dadurch noch nicht in die Flucht haben schlagen lassen, dann sind sie die idealen Kandidaten. Entsprechende Fähigkeiten natürlich vorausgesetzt.

Fazit? Studium ist nicht alles! Können und Einsatz zählen mindestens genauso viel, wenn nicht sogar ein Fünkchen mehr.

So findest du den perfekten Job für dich

Wenn du nicht alle paar Jahre deinen Beruf wechseln möchtest, weil er dir keinen Spaß mehr macht, dann solltest du einen Job wählen, der zu dir passt. Das geht. Wirklich! Das haben schon andere vor dir geschafft. Ich übrigens auch. Deshalb kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen: Es ist definitiv nicht unmöglich. Aber auch nicht immer leicht.

Um den perfekten Job für dich zu finden, solltest du zuerst wissen, was du willst.

Setz dich am besten hin – so richtig Old School mit Stift und Papier – und notiere für dich, was dir an deinem Beruf wichtig ist. Ist dir ein hohes Gehalt wichtiger oder eine familiäre Atmosphäre? Oder eine Mischung aus beidem? Kurze Arbeitswege? Oder würdest du für den perfekten Job auch etwas weiter fahren? Schreib alles auf, was dir in den Sinn kommt.

Fertig? Gut. Dann schreibst du jetzt auf, was du so richtig gut kannst und was du gerne in deinem Job machen möchtest. Du bist eine Quasselstrippe und kannst supergut mit Menschen? Dann ist ein beratender Beruf schon mal nicht schlecht für dich. Du kannst auch sehr überzeugend sein? Dann ist eine Stelle im Verkauf vielleicht das Richtige für dich. Du hältst dich lieber im Hintergrund, bastelst gerne Websites oder programmierst eigene Apps? Dann bist du vielleicht als Programmierer besser aufgehoben als hinter einem Bankschalter. Verstehst du, worauf ich hinaus will?

Du solltest bei deiner Jobwahl deine eigenen Fähigkeiten nicht außer Acht lassen. Schließlich wollen wir alle im Job das Gefühl haben: “Wow, ich bin gut in dem, was ich mache!”

Lasst unserem Nachwuchs ihre Träume und Berufswünsche!

Ich möchte, dass unsere Kinder später auch hinter dem Job stehen, den sie da ausüben. Dass sie ihn aus Überzeugung machen. Nicht als Plan B-Z. Sie sollen Spaß haben und nicht nur von Wochenende zu Wochenende leben. Das habe ich selbst lang genug getan.

Darum werde ich auch nicht müde, meiner Tochter zu sagen, dass es allein IHRE Entscheidung ist, als was sie später arbeiten möchte. Ich werde sie unterstützen. Was auch immer sie werden will. Weil SIE mit dieser Entscheidung leben muss. Nicht ich, nicht ihre Lehrer, nicht unsere Familie – SIE geht später jeden Tag in diesem Beruf arbeiten. Und ich will, dass sie das auch nach ein paar Jahren noch gerne tut.

Über die Autorin

Carina

38, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und Texten. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de
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