Burnout – mein stiller Mitbewohner

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Burnout – mein stiller Mitbewohner

Was, wenn die normale Work-Life-Balance nicht mehr ausreicht? Wenn du das Gefühl hast, deine Erschöpfung nimmt kein Ende und dein Energiespeicher wird immer leerer statt voller?

Ich habe nie verstanden, wenn Betroffene mir erzählten, sie hätten „keine Kraft mehr für irgendwas“. Dann passierten einige Dinge in meinem Leben, die mir so viel Energie raubten, dass mein Alltag und mein Denken darüber sich für immer veränderten.

Jeder kennt dieses Gefühl: Man wacht morgens auf, fühlt sich genauso müde wie am Abend zuvor und würde am liebsten liegen bleiben und weiterschlafen. Das nennt sich „Erschöpfung“. Kennt jeder, hat jeder. Mindestens einmal, die meisten sogar häufiger. Im Idealfall kann man durch eine gesunde Work-Life-Balance (wie es so schön im Neudeutschen heißt) seinen Energiespeicher wieder auffüllen und mit mehr Elan wieder an den Alltag herangehen. Ein freies Wochenende, Abende mit den Freunden oder einfach mal ein entspannter Abend für sich reichen oft schon aus, dass man sich entspannter fühlt.

Wenn die Work-Life-Balance nicht mehr reicht

Was, wenn die normale Work-Life-Balance nicht mehr ausreicht? Wenn du das Gefühl hast, deine Erschöpfung nimmt kein Ende und dein Energiespeicher wird immer leerer statt voller? Ich kenne einige Leute, die hatten diese Erfahrung auch. Sie erzählten, dass sie manchmal nicht die Kraft hatten, von der Couch aufzustehen und irgendwas zu tun. Dass sie manchmal einfach den ganzen Tag auf der Couch lagen und vor lauter Erschöpfung zu nichts weiter im Stande waren. Das war mir persönlich unvorstellbar! Ich habe nicht verstanden, wie man einfach nur daliegen und nichts machen konnte. 

Ich hatte Verständnis, dass es ihnen schlecht ging – keine Frage! – aber ich hatte dieses typische, klischeehafte Denken „Du musst dich doch mal aufraffen! Du musst doch den Hintern mal hochbekommen!“ Ich meine, ich selber kannte zu dem Zeitpunkt genügend Erschöpfungsphasen und wusste, dass man manchmal das Gefühl hat, es geht nicht mehr. Aber irgendwie ging es ja doch immer. Das war mir schlichtweg nicht begreiflich.

Dann passierten einige Dinge in meinem Leben, die mir so viel Energie abverlangten, dass ich das Gefühl hatte, mein Akku würde überhaupt nicht mehr voll werden.

Wenn die Erschöpfung Überhand nimmt – Erste Anzeichen

Das Bild eines Telefonakkus schien mir von jeher der beste Vergleich zu sein: Dein Energiespeicher ist wie ein Akku. Brauchst du viel Energie im Alltag, entlädt er sich schnell und du musst ihn wieder aufladen. Das ist ein „Bild“, das eigentlich jeder Mensch kennt und somit auch versteht. Oder als Autofahrer nehmt meinetwegen die Tankanzeige. Das Verfahren ist das Gleiche: Wenn der Tank leer ist, dann muss man tanken.

Wie gesagt, es gab zu dem Zeitpunkt vor etwas über drei Jahren einige Sachen, die zusammenkamen und enorm viel Energie in enorm kurzer Zeit von mir abverlangten. Mein Akku wurde immer leerer und egal, wie viel ich an meinen freien Wochenenden auch schlief, ich fühlte mich nie erholter, häufig sogar noch erschöpfter. Ich hatte immer das Gefühl „auf dem Zahnfleisch zu gehen“, wie das Sprichwort so schön sagt.

Selbstverständlich litt auch mein Sozialleben und auch die gemeinsame Zeit mit meiner Tochter darunter. Vorher haben wir oft zusammen gespielt und gemalt, das wurde mit zunehmender Erschöpfung immer weniger. Ich hatte das Gefühl, selbst mich hinsetzen und meiner Tochter beim Malen zuzusehen wurde immer anstrengender für mich. Das frustrierte mich. Zum einen, weil ich wirklich immer viel Spaß mit meiner Tochter hatte und es keine „Arbeit“ für mich war; zum anderen weil ich sah, wie meine Tochter darunter litt. Selbst auf der Arbeit wurde es nicht besser. Ich hatte das Gefühl: Egal was ich mache, alles war schlecht, nichts war gut genug. Völlig egal, wie sehr ich mir den Allerwertesten dafür aufriss. Ich nahm sogar Arbeit mit nach Hause, um mehr zu schaffen.

Ein weiterer Faktor neben der Erschöpfung war, dass meine Nerven immer dünner wurden. Meine Stimmungsschwankungen wurden immer ausgeprägter und selbst kleine Dinge machten mich wütend. Diese Wut unterdrückte ich allerdings – weil ich ja wusste, dass diese Dinge eigentlich unbedeutend waren. Dieses Unterdrücken kostete allerdings noch mehr Energie. Energie, die ich eigentlich nicht mehr hatte. Eines Abends kam der Knall, der eigentlich zu diesem Zeitpunkt längst überfällig war und der mich nachdrücklich aus der Bahn warf:  

Startschuss – Houston, wir haben ein Problem!

Ich saß mit meiner Tochter im Wohnzimmer. Ich auf der Couch, sie auf dem Boden vor dem Couchtisch, an dem sie gerade ein Bild malte. Aus Versehen kam sie mit dem Fuß oder dem Ellbogen (ich weiß nicht mehr, was es war) an eine fast volle PET-Flasche mit Wasser, die vor der Couch auf dem Laminatboden stand. Diese fiel um. Eigentlich kein großes Ding, kein großer Lärm. Doch für mich reichte das Geräusch aus. Ich hatte das Gefühl, meine Nerven würden mit einem lauten „PENG!“ reißen und ich würde wie Garfield an der Decke hängen. Ich explodierte förmlich und wurde in diesem Moment richtig laut und im selben Moment (es waren wirklich nur Sekunden) wurde mir bewusst, dass ich meine Tochter gerade wegen einer dämlichen PET-Flasche anschrie, die sie aus Versehen umgestoßen hatte!

Diese Erkenntnis machte mich so wütend auf mich selbst und diese Angst und den Schreck in den Augen meiner Tochter zu sehen, erschreckte mich noch zusätzlich. Das war das, was ich niemals (!) in den Augen meiner Tochter sehen wollte! Ich lief in mein Schlafzimmer und fing an zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Zwischendurch hatte ich mich soweit unter Kontrolle, dass ich wieder rausgehen und mich bei meiner Tochter entschuldigen konnte, aber das hob meine Stimmung auch nicht. Ich verbrachte den Abend und die Nacht in meinem Schlafzimmer und weinte fast die ganze Zeit. In dieser Nacht habe ich auch nicht geschlafen, weil ich einfach keine Ruhe finden konnte.

Manchmal geht ohne Hilfe nichts mehr

Am nächsten Morgen ging es mir natürlich keinen Deut besser! Ich fasste den Entschluss, endlich zum Arzt zu gehen. So konnte und durfte es nicht weitergehen mit der Erschöpfung! Ich rief im Büro an und meldete mich krank. Meine damalige Personalchefin hatte sowas schon seit Längerem befürchtet und kommen sehen. Sie bestärkte mich in dem Entschluss, zum Arzt zu gehen und wünschte mir schnelle und gute Besserung.

Ich brachte meine Tochter zur Schule und ging direkt im Anschluss zu meinem Hausarzt. Dort im Behandlungszimmer erzählte ich möglichst kurz und knapp den Werdegang der jetzigen Situation, konnte aber auch hier meine Nerven nicht mehr in Schach halten und fing immer wieder an zu weinen. Er sah mich nur ruhig an, ohne irgendwas zu kommentieren und sagte hinterher: „Das ist keine Einbildung! Das Problem Ihrer Erschöpfung ist real. Und ich stimme Ihnen zu – hier sollte ein Fachmann ran!“ Er schrieb mir eine Überweisung zu einem Psychologen und wünschte mir, dass es mir schnell wieder besser ginge.

Draußen auf der Straße stehend wusste ich nicht, wie ich als nächstes vorgehen sollte. Ich war komplett orientierungslos. Das war nichts mehr, was ich „unter Kontrolle“ hatte. Die Kontrolle war mir komplett – aber wirklich gänzlich – abhanden gekommen. So hilflos habe ich mich ehrlich gesagt selten gefühlt. Und das mit über 30 Jahren, das ist frustrierend!

Ich tat das einzige, was mir in dem Moment sinnvoll und richtig erschien: Ich rief meine Schwiegermutter an, die sich mit solchen Themen auskannte und nur fünf Minuten von meinem Arzt entfernt wohnte. Ich wusste, dass sie mein Problem ernst nehmen würde – mich ernstnehmen würde – und mir bestimmt weiterhelfen konnte. Heute bin ich mir sicher, dass sie mich am liebsten direkt zur Kur geschickt hätte – weil sie mir das auch später immer wieder angeraten hatte. Warum ich mich bis heute dagegen wehre, erkläre ich euch später.  

Auf jeden Fall hörte sie mir in Ruhe zu. Sie unterbrach mich nicht, sie stimmte mir zu, dass die letzte Zeit wirklich sehr stressig gewesen sei. Sie hatte das ja aus etwas Entfernung mitbekommen. Sie telefonierte mit einem ihr bekannten Psychologen und vereinbarte, dass sie am nächsten Morgen mit mir zur Notfallsprechstunde kommen konnte. Ich war ihr unendlich dankbar für die Hilfe. Einerseits hasste ich es, wie ein Kleinkind an die Hand genommen werden zu müssen, andererseits war ich unglaublich dankbar, dass es automatisch kam – ohne darum bitten oder betteln zu müssen. Ich weiß nicht, ob ich das gekonnt hätte. Mein Stolz war von jeher sehr groß – und ist es auch heute noch.

Auf jeden Fall gingen wir am nächsten Morgen zu besagter Notfallsprechstunde. Ich fühlte mich unwohl im Wartezimmer. Ich war nie jemand der urteilt. Trotzdem sitzt man da und überlegt, was die Menschen um einen herum wohl haben. Das ist genauso ein beklemmendes Gefühl, wie wenn man zur Kontrolle im Brustkrebszentrum sitzt und klar erkennbare Krebspatienten um einen herumsitzen und du überlegst: habe ich das auch?  So saß ich in dem Wartezimmer und fragte mich: Bin ich jetzt „durchgeknallt?“ und schämte mich direkt für diese Gedanken die sehr wohl urteilten – über mich und alle anderen in dem Raum.

Das Gespräch mit dem Arzt fiel mir recht schwer, auch wenn er ganz neutral sprach. Aber ich war nie ein sehr offener Mensch gewesen und es war nicht einfach, alles, was meiner Meinung nach „schief gelaufen war“ einfach auszupacken. Er hörte sich alles an. Genauso ruhig und kommentarlos wie mein Hausarzt. Im Anschluss meinte er, dass es kontraproduktiv sei, weiter zur Arbeit zu gehen und dass er mir eine Auszeit verordnen würde. Er schrieb mich krank mit der Diagnose: ICD-10, Z73.  Super! Jetzt wurde ich nicht mehr mit Namen, sondern mit Zahlen diagnostiziert.

Zuhause schmiss ich diese Bezeichnung in Google und bekam heraus, dass ICD-10 für psychosomatische Störung steht und Z73 für einen etwas größeren Bezeichnungsraum, in dem Burnout als „Zustand des Ausgebrannt-seins“ und der „totalen Erschöpfung“ aufgeführt war. Anders als beispielsweise Depression wird Burnout nämlich nicht allein diagnostiziert, sondern immer mit Begleiterscheinungen, wie mir erklärt wurde. Ich hatte von dem Arzt ein leichtes Beruhigungsmittel bekommen, damit meine Nerven sich mal etwas entspannen konnten und einen Termin für eine Woche später.

Alles auf Werkseinstellung – der große „Reset“

Zuhause legte ich mich auf die Couch und schaffte es vor lauter Leere und Erschöpfung nicht, mich aufzuraffen, bis es Zeit war, meine Tochter aus der Schule zu holen. Ein dunkles Deja-vu ereilte mich: Genau dieses Bild habe ich doch an meinen Bekannten „kritisiert“! Jetzt wusste ich, wie sie sich fühlten. Es ist schwer zu beschreiben und man versteht es wirklich nicht, wenn man das Gefühl nicht selbst hatte. Es hat mit normaler Erschöpfung nicht das Geringste zu tun. Ich war so oft schon erschöpft gewesen und hatte gedacht „Ich kann so nicht mehr!“ Zu diesem Zeitpunkt hätte ich gerne über meine damalige Reaktion gelacht. Wenn ich dazu noch die Kraft gehabt hätte.

Es fühlte sich für mich so an, als hätte jemand bei mir den „Reset“-Knopf gedrückt. Ich wusste, was alles zu tun war und was ich zuhause hätte machen müssen und doch wusste ich nicht wie und wo ich anfangen sollte. Ich hatte eine reine Datenautobahn im Kopf und doch hatte ich das besch*** Gefühl, nicht einen klaren Gedanken fassen zu können. So kannte ich mich nicht. Ich fühlte mich wie ein Käfer auf dem Rücken. Oder ein Kleinkind, das gerade mal im Begriff ist, Krabbeln zu lernen, Beides fühlte sich frustrierend an!

Ich beschloss, erst einmal nichts zu machen. Der Arzt hatte mir geraten, erst einmal zur Ruhe zu kommen. Das war mein erster Vorsatz. Ich verband den Schulweg morgens mit einem Spaziergang, ebenso das Abholen am Nachmittag. Danach tat ich das, was möglich war. Mal war es, dass ich mein Frühstücksgeschirr in die Küche brachte; mal war es, dass ich auch ein paar Sachen in der Küche machte; meistens war es aber, dass ich auf der Couch lag und die Decke anstarrte.

Unfassbar, aber wahr. Und wisst ihr was? In dem Moment war es mir scheißegal! Es ging halt nicht mehr. Jetzt ging es mir mal schlecht. Ich war immer für andere da, jetzt konnte ich einfach nicht mehr. Also gönnte ich mir die Auszeit, die mein Körper anscheinend gerade brauchte. Ich schlief, wenn ich müde wurde, ich tat nichts, wenn ich nicht den Elan dafür merkte. Allerdings stellte ich mir fünf verschiedene Wecker auf meinem Handy, damit ich ja nie verpasste, meine Tochter abzuholen. Das wäre mein größter Horror gewesen. Es ist zum Glück auch nie passiert!

Nach einer knappen Woche merkte ich, wie dieses gefühlte Rauschen im Kopf, diese Datenautobahn, langsam besser wurde. Ich hatte das Gefühl, wieder etwas klarer denken zu können. Ich hatte zwar immer noch keine Kraft, irgendwas zu machen, stellte auch gerne mal die Waschmaschine an, nur um dieselbe Maschine zwei Tage später erneut anzustellen, weil ich nicht geschafft hatte, sie aufzuhängen. Ich brauchte zu dem Zeitpunkt immer mehrere Anläufe. Aber nach der Woche, als ich wieder halbwegs vernünftig denken konnte, setzte ich mich auf die Couch und nahm einen Block und einen Stift zur Hand. Ich begann, Listen zu machen. Wie fühle ich mich? Was klappt nicht? Wie hätte ich es gerne? Wie kann ich das erreichen? Ich kam zu dem Schluss, dass in dieser Situation kein Weg daran vorbei führte, dass ich Hilfe brauchte! So ungern ich das auch zugab.

Ich hasste es, um Hilfe zu bitten – und es fällt mir auch heute noch sehr schwer, aber ich habe gelernt, dass es manchmal Situationen gibt, da geht es nicht ohne. Ich sprach mit Freunden, versuchte meinen Eltern meine Situation zu erklären – und ich erkannte mich in allen von ihnen selbst wieder. So, wie ich vorher war: Man verstand es nicht. Man hatte Verständnis – überhaupt kein Ding! Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es jemand für Anstellerei hielt – aber man verstand einfach nicht, was da bei mir gerade los war. Meine beste Freundin seit 30 Jahren las sich dann in die Thematik ein, um überhaupt annähernd zu verstehen, was da vor sich ging. Sie vereinbarte regelmäßige Telefonate mit mir. „Ich weiß nicht, was ich machen soll, ehrlich nicht. Aber ich bin für dich da und wenn ich irgendwas tun kann – irgendwas! – dann sag es mir bitte!”

Doch genau das fiel mir ja so schwer: Wenn man weiß, wie viel die einzelnen Personen selbst um die Ohren haben, dann fällt es schwer, diese um Hilfe zu bitten und „zusätzlich zur Last zu fallen“. Erschwerend kam hinzu, dass ich ja selbst nicht wirklich wusste, wie sie mir helfen sollten. Sollte ich etwa sagen „Ich schaff das nicht, räum’ du mir die Wohnung auf“? Das wäre mir zu blöd gewesen! So viel Schwäche wollte und konnte ich nicht zeigen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Also beschränkte ich mich erst einmal aufs Listen-machen und versuchte tatsächlich, einen Therapieplatz bei einem Psychotherapeuten zu bekommen. Ich schrieb mir alle in der Umgebung liegenden Adressen auf und klapperte sie ab. Erfolglos! Ich brauchte JETZT Hilfe, nicht in sechs Monaten! Auch das Erwähnen, dass ich ein schulpflichtiges Kind habe, das unter der Situation litt, half nicht wirklich weiter. Es war frustrierend und entmutigend! Da wollte ich Hilfe in Anspruch nehmen – was mir weiß Gott nicht leicht fiel – und dann wurden mir ständig Steine in den Weg gelegt!

Ich tat das Einzige, was mir in dieser Situation noch als Ausweg einfiel: Ich rief bei der Erziehungsberatung an, mit der ich aus verschiedenen Gründen schon gute Erfahrungen gemacht hatte – auch als wir vorsichtshalber wegen unserer Trennung da waren, wie wir am besten mit unserer Tochter umgehen, damit sie nicht zu sehr darunter leidet. Die gute Frau hörte mir – wie immer – sehr geduldig zu und nahm sich die Zeit. Sie nickte an der einen oder anderen Stelle, machte sich Notizen und zog manches Mal erstaunt die Augenbrauen hoch. Ihr erster Kommentar war damals: „Ich finde es bemerkenswert, wie neutral Sie das erzählen. Sie schildern das, als wäre es nicht ihre Situation. Wie ein Beobachter.“ Das war mir nie so aufgefallen. Ich habe nur schon von jeher versucht, alle Blickpunkte und Sichtweisen in Betracht zu ziehen. Vielleicht mischte sich das dadurch etwas.

Sie sprach mit mir über die Belastung im Alltag und was ich gerne ändern würde. Die Idee mit den Spaziergängen fand sie super! Das sollte ich auf jeden Fall beibehalten. Sie empfahl mir auch, to-Do-Listen zu machen. Für jedes Zimmer eine. Mit allen kleinen Sachen. Nichts großes, allumfassendes. Ich sollte jeden Schritt quasi abhaken und so Erfolge sehen. Ich sollte Erfolge auch wieder erkennen! Auch wenn es kleine seien. Durch das Burnout war mir dieser Blickwinkel abhanden gekommen und den müsste ich wieder lernen.  Wenn ich merkte, dass das gut klappte, könne ich ja größere Sachen aufschreiben. Ich sollte morgens die Mülltüte direkt vor die Wohnungstür stellen, so dass ich sie auf dem Weg zur Schule direkt mitnehmen könne. So, würde das spätere „sich aufraffen müssen“ dafür entfallen. Diese kleinen Alltagstipps halfen mir sehr in meiner Situation und ich war unendlich dankbar. Das half mir, die Dinge selbst  anzugehen. Mir nichts abnehmen lassen zu müssen.

Doch lassen wir die Kirche im Dorf: In der Zeit hatte sich ziemlich viel angesammelt, was ich alleine nicht schaffte. Also biss ich in den sauren Apfel und fragte Freunde, ob sie mit mir die Sachen wegbringen fahren würden. „Klar, kein Thema!“, bekam ich zur Antwort. Also brachten wir mein Zuhause wieder auf Vordermann. Nach und nach. Immer ein Stückchen. Als ich den zweiten Nachfolgetermin zwei Wochen nach meiner Diagnose hatte,  fragte mein Arzt, wie ich die Zeit verbracht hatte. Ich erzählte ihm von dem Termin bei der Erziehungsberatung, von den Rückschlägen bei den Psychotherapeuten und was ich mit der Dame von der Erziehungsberatung besprochen und ausprobiert habe. Er war beeindruckt und zugleich skeptisch, ob ich es nicht in anfänglicher Euphorie übertrieben hätte.

Er empfahl mir, mit meiner Tochter eine Mutter-Kind-Kur zu machen. Da rannte er bei mir leider gegen eine Mauer die so dick war, dass selbst die chinesische Mauer wie ein Blatt Papier dagegen wirkte. Ich habe mehrere Bekannte, die das hinter sich haben und nicht eine hat im Anschluss positiv darüber gesprochen. Man lernt wieder einen geregelten Alltag – ja, diesen Pluspunkt gestehe ich ihnen zu. Man wurde zu Handarbeiten, Gruppengymnastik und Wanderungen animiert. Der Alltag klang eher nach dem eines Krankenhauses, als nach irgendwas anderem. Alles in mir sträubte sich dagegen!

Zumal meine Tochter zu diesem Zeitpunkt gerade erste Freundschaften in der Schule schloss, was ihr sehr schwer viel, da sie genauso introvertiert war (und ist) wie ich. Wenn ich sie jetzt für drei Wochen da raus reißen würde, wären diese zarten Bänder sofort dahin und sie gebrandmarkt. Das konnte ich nicht! Aber drei Wochen ohne meine Tochter konnte ich auch nicht! Also versprach ich, mich weiter um einen Therapieplatz zu bemühen und in zwei Wochen wieder zu kommen.

Es ging vorwärts. Stück für Stück

Ich nutzte die zwei Wochen, in denen ich brav meine Listen machte und abarbeitete. So blöd es auch klingt, ich freute mich über jede Sache, die ich abhaken konnte! Wenn ich sah, dass die halbe Liste durchgestrichen war, hatte ich das Gefühl, wirklich etwas geschafft zu haben. Je mehr Zeit verging, desto vollständiger wurden meine Listen abgearbeitet. Ich konnte wieder klar denken, hatte wieder Ideen für Geschichten! Ich hatte früher so gerne Geschichten geschrieben und bin vor Ideen übergesprudelt und irgendwann hatte ich es einfach nicht mehr auf die Reihe bekommen. Irgendwann blieben dann auch die Ideen aus. Wenn mal ein kleines Flämmchen aufleuchtete, war es auch genauso schnell weg wie es aufgeflammt war.

Genauso hatte es sich mit meinem damaligen Lieblingshobby, der Zeichnerei und Malerei, verhalten. Jetzt kamen endlich wieder die Ideen und der Antrieb zurück. Ich schnappte mir ein Notizbuch und schrieb alle Ideen auf und überlegte, wie man was weiterentwickeln konnte. Ich zeichnete erste Bilder, auch wenn ich noch nicht hundertprozentig mit dem Ergebnis zufrieden war, es war ein Fortschritt! Es ging mir besser! Auch, wenn ich leider immer noch keine Zusagen von den Therapeuten bekam. Mittlerweile kam mein altbekannter Trotz wieder durch: „Dann schaffe ich es eben alleine!“ Das hatte bislang in allen Bereichen funktioniert und würde auch hier klappen.

Bei dem dritten und letzten Nachfolgetermin schilderte ich dem Arzt dann meine Fortschritte und dass ich mittlerweile wieder gut klar käme. Ich wollte wieder zur Arbeit gehen. Die Gründe hierfür waren zweigeteilt: Einerseits vermisste ich die Arbeit an sich (auch, wenn ich mir nicht sicher war, ob ich dem Stress schon wieder gewachsen war), andererseits war ich bereits fast fünf Wochen krank geschrieben. Nach sechs Wochen würde ich ins Krankengeld rutschen. Das wären gerade mal knapp 70% von meinem Gehalt.

Da ich aber als Alleinerziehende ohnehin nicht so viel Geld zur Verfügung hatte und mein Halbtagsjob damals gerade mal so viel abwarf, dass ich problemlos Miete, Strom, Fahrkarte und Leben auf die Reihe bekam (ohne Amt, da war ich extrem stolz drauf!), war die Aussicht, davon auch noch die Hälfte zu verlieren extrem erschreckend! Da ging ich lieber wieder arbeiten.

Zurück in den Berufsalltag

Mein damaliger Arbeitgeber hatte mir versprochen, mit verminderten Aufgaben wieder starten zu können, so dass ich nicht wieder den ganzen Stress auf einmal hatte. Das klang doch vielversprechend. Es startete auch vielversprechend. Leider waren die Erwartungen nach drei, vier Wochen wieder so, dass ich auf dem normalen Pensum war, welches ich vor meinem Zusammenbruch hatte. Ich fand mich in der alten Tretmühle wieder und merkte, dass das alles andere als gut war. Ich war aber auch nicht bereit, wieder alles mit nach Hause zu nehmen, nur um mehr zu schaffen. Zuhause war arbeitsfrei! Das hatte ich mir bei dem Zusammenbruch geschworen.

So kam es, wie es kommen musste: März 2015 bekam ich die Kündigung mit der Begründung, es gäbe nicht mehr genug Aufgaben für meinen Bereich. Im Nachhinein habe ich von mehreren gehört, dass sich über die Qualität beschwert worden sei und dass ich ja nicht mehr so belastbar wie früher war. So ist das halt leider mit einem Burnout! Interessanterweise ließ mich die Kündigung weitestgehend kalt. Ich selbst hätte von mir aus nie gekündigt, weil ich immer dachte „Du brauchst das Geld! Du musst ja dein Kind ernähren.“ Als ich dann das Kündigungsgespräch hatte, erwartete ich also Traurigkeit oder Schock, beides kam aber nicht. Mir ging es gut. Ich dachte: Dann gibt es eben einen neuen guten Job! Ich musste ihn nur finden.

Pflichtbewusst meldete ich mich beim Arbeitsamt als arbeitsuchend, bekam auch das eine oder andere Jobangebot, wo ich halbherzig Bewerbungen hin schrieb. Aber zum Glück klappten diese ohnehin nicht, da ich Marketing einfach nicht gelernt hatte. Ich war da reingerutscht bzw. „hineingeschubst“ worden und hatte mir aus lauter Spaß (weil es wirklich ein sehr spannendes und interessantes Feld ist) alles in Eigenregie angeeignet, was ich zu dem Zeitpunkt wusste. Das interessierte aber die meisten Firmen nicht. Also setzte ich mich zuhause hin und überlegte, was ich als nächstes machen möchte.

Ich hatte ursprünglich Reiseverkehrskauffrau gelernt, vermisste auch den Alltag mit der Reiseberatung und auch die Inforeisen und Messen. Irgendwie zog es mich magisch wieder dorthin zurück, obwohl mir auch der Bereich Marketing sehr viel Spaß machte. Aber eine Kombination fand ich nicht und nur Marketing klappte aufgrund der fehlenden Qualifikationen leider nicht. Also entschloss ich mich, es wieder im Reisebüro zu versuchen. Falls das doch nichts war, könne ich ja in der Probezeit weitersuchen und wechseln.

Gesagt, getan – ich durchforstete das Internet und stieß auf einen Reiseveranstalter, der Reisen individuell zusammenstellte. Er warb mit innovativen, jungen Teams und die ganze Beschreibung las sich so traumhaft, dass ich einfach mal eine Bewerbung hinschickte. Zwei Wochen später bekam ich tatsächlich einen Anruf, ob ich Zeit für ein Bewerbungsgespräch hätte.

Was soll ich sagen? Ich habe den Job auch jetzt nach drei Jahren noch und er hat mir geholfen, totz Burnout wieder Spaß am Arbeitsalltag zu finden. Auch hier habe ich Höhen und Tiefen, aber ich habe gelernt, offen zu sein und auch mit meinen Kollegen darüber zu reden, wenn es mir nicht gut geht.  Wir hatten zwar bislang schon mehrere Mitarbeiterwechsel im Team, dennoch konnte ich immer sagen, dass das Team ein Sechser im Lotto war. Alle hatten Verständnis und griffen ein, wenn es mit dem Burnout mal zu viel war.

Habe ich in der Zwischenzeit einen Therapieplatz gefunden?

Nein. Ich habe es mehrmals versucht einen Platz zur Therapie gegen mein Burnout zu bekommen, aber immer dieselbe Antwort erhalten. Irgendwann hatte ich einfach die Nase voll, einem Phantom nachzulaufen. Es funktionierte auch so, also beließ ich es dabei.

Bin ich aus dem Burnout raus

Ich denke nicht. Zumindest nicht vollständig. Es gibt gute Phasen, wo alles super klappt und ich Bäume ausreißen könnte. Es gibt aber auch Phasen wo enormer Stress und Leistungsdruck oder auch Enttäuschung verschiedenster Art als Trigger wirken und mich wieder in ein Tief zurückwerfen. Ich habe gelernt, damit zu leben. Damit umzugehen. Ich habe gelernt, dass es Phasen gibt, wo ich trotz viel Arbeit nach der Arbeit einfach Ruhe brauche und mir diese nehme. Es gibt aber genauso Phasen, wo alles gut läuft und ich einfach glücklich und zufrieden bin mit dem, was ich habe.

Ich habe gelernt, mit meinen Freunden und meiner Familie zu reden und auch mal »nein« zu sagen. Noch viel wichtiger: Ich habe gelernt, zu sagen, wenn es mir nicht gut geht und ich Hilfe brauche und nicht immer den Mund zu halten und nur für andere da zu sein. Das bin ich immer noch und es fällt mir immer noch schwer, nach Hilfe zu fragen. Der Stolz kann einem da manches Mal im Weg stehen. Nichtsdestotrotz habe ich mittlerweile herausgefunden, wen ich vorbehaltlos fragen kann, ohne mich dafür schämen oder mich schlecht fühlen zu müssen. Es geht immer noch voran. Nur halt mit kleinen Schritten. Aber nach dem großen „Reset“ ist man auch mit kleinen Schritten zufrieden.

Über die Autorin

Carina

38, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und Texten. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de
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