Gendern – so überflüssig wie Koffein am Morgen?

Lesezeit5 Minuten, 56 Sekunden
Gendern – so überflüssig wie Koffein am Morgen?

Um das direkt vorwegzunehmen: Ich bin bekennender Kaffeejunkie. Ernsthaft. Das habe ich sogar damals in meine Bewerbung hineingeschrieben. Soll ja schließlich niemand behaupten können, ich hätte nicht früh genug vorgewarnt. Aber darum soll es heute gar nicht gehen. Wir sprechen jetzt über das Thema Gendern – und zwar richtig! Häufig findet es nämlich noch gar keine Beachtung und das lässt meinen Blutdruck jedes Mal in ungesunde Höhen schnellen. Für mich ist Gendern mittlerweile so wichtig wie meine morgendliche Koffeindosis. Darum zeige ich dir in diesem Artikel unter anderem, warum wir gendern sollten, welche Möglichkeiten wir haben und welche meine Favoriten sind.

Lange Zeit habe ich mir keine oder nur halbherzige Gedanken gemacht, was das Thema Gendern in Texten betraf. Ich selbst habe mich immer auch vom generischen Maskulinum angesprochen gefühlt, weil ich es einfach gewohnt war. Aber wir sollten nicht immer von uns auf andere schließen.

Also habe ich mich mit Menschen unterhalten. Und zugehört. Kleiner Tipp am Rande: Unterschiedliche Sichtweisen regen zum Nachdenken an. Und manchmal sogar zum Umdenken. Viele Menschen fühlen sich wirklich nicht angesprochen und das ist keine Anstellerei, wie böse Zungen möglicherweise unterstellen. Es geht um ihre Identität.

Warum überhaupt Gendern?

Ob in Infotexten, Verwaltungsdokumenten, journalistischen Artikeln oder bürokratischen Formularen – häufig sind die Texte im sogenannten generischen Maskulinum geschrieben. Also so, dass die Lesenden alle als Leser angesprochen werden. Ging es früher zuerst um die gleichstellende Erwähnung der weiblichen Bezeichnung – also Leserinnen und Leser – wurde spätestens mit der offiziellen Einführung der Genderoption “divers” die Notwendigkeit einer geschlechtsneutralen Variante offensichtlich. Spoileralarm: Für seeeehr viele Begriffe haben wir sie immer noch nicht.

Warum ist eine gendergerechte Sprache denn so wichtig? Weil Sprache unser Denken beeinflusst. Menschen wollen nicht nur mitgemeint werden, sondern alle gleich angesprochen werden. Wer nicht angesprochen wird, fühlt sich nicht sichtbar. Ob das vom Verfasser so gemeint war oder nicht.

Um alle Menschen gleichermaßen mit unseren Texten anzusprechen und abzuholen, sollten wir darauf achten, auch alle mit den von uns gewählten Bezeichnungen einzuschließen. Darum ist Gendern meiner Meinung nach mittlerweile essenziell geworden. Doch einmal den Entschluss gefasst, stehen wir vor der nächsten Hürde.

Okay, wir gendern. Aber wie denn jetzt??

Da wollen wir endlich vernünftig gendern – und dann gibt es drölfzig verschiedene Variationen! Jeder nach seiner Auffassung oder wie jetzt? Vielleicht auch einfach alle im Wechsel? Nein. Das bitte auf keinen Fall! Wir wollen unsere Lesenden ja mit unserem Text abholen und nicht noch mehr verwirren als ohnehin schon. Eine wichtige Sache lassen zudem viele außer Acht: Sehbeeinträchtigte Menschen nutzen häufig sogenannte Screenreader – Programme, die ihnen unter anderem den Text der Webseiten und Bilder vorlesen. Das sollten wir in die Gestaltung unserer Texte einfließen lassen, wenn die Art des Genderns wählen.

Was für Optionen stehen uns denn prinzipiell zur Verfügung?

  • Leserinnen und Leser  – der Klassiker, passt besonders zu konservativen Zielgruppen.
  • LeserInnen oder Leser/innen – hiermit erreichen wir zwar weniger Wortwiederholungen, aber das große i wird oft als kleines L gelesen.
  • Leserschaft, Lesende – einfach, neutral, funktioniert aber nicht mit allen Begriffen. Oder hast du schon mal was von “Ärztenden” gehört? Nein? Ich auch nicht!
  • Leser:innen – angenehmer zu lesen und wird von Screenreadern nicht als Zeichen mitgelesen, sondern als Pause.
  • Leser*innen – die Zacken des Sterns sollen die Vielfalt der Geschlechter darstellen. Gut gedacht. Leider wird * von den Screenreadern als “Leser-Stern-innen” gelesen. Das verwirrt die Menschen unnötig.
  • Leser_innen – weit verbreitet. Meiner Meinung nach nicht sehr elegant. Für Screenreader allerdings geeignet.
  • Leser innen – eignet sich auch für Screenreader. Wirkt aber auseinandergerissen oder wie ein fehlerhaft eingesetztes Leerzeichen.

Meine Favoriten? Doppelpunkt und Neutralität

Ich für mich habe eine eindeutige Entscheidung gefasst, was das Gendern in meinen Texten angeht. Neutrale Begriffe wie Teammitglieder, Lesende, Studierende, etc. haben bei mir Vorrang, weil sie alle Menschen mit einschließen – völlig egal, welches biologische oder soziale Geschlecht sie haben. Doch wie bereits weiter oben erwähnt, haben wir noch längst nicht für alle Begriffe ein neutrales Gegenstück. Denken wir an die Ärztenden. Oder die Architektenden. Die Schlossernden. Du verstehst, worauf ich hinaus will, oder?

In solchen Fällen greife ich auf den Doppelpunkt zurück. Also Ärzt:innen, Architekt:innen. Nein, ich habe mich nicht für das berühmte Gendersternchen entschieden. Das ist zwar weitverbreitet und der Ansatz dahinter – mithilfe der Sternzacken die Vielfalt der Diversität zu symbolisieren – ist sehr charmant. Mir persönlich ist es allerdings ein Dorn im Auge, dass das Gendersternchen überhaupt nicht barrierefrei ist. Der Stern wird mitten im Wort jedes Mal mitgelesen. Anders der Doppelpunkt. An dieser Stelle macht der Screenreader schlicht eine angemessene Pause, setzt also eine klare tonale Trennung, ohne zu verwirren.

Die Trennung der Geschlechter durch Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich oder was auch immer – ist bei Weitem nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn wenn wir es genau nehmen – und ja, ich kann da sehr erbsenzählerisch sein – ist diese Form grammatikalisch nicht korrekt. Der Grundgedanke ist ja, die männliche Bezeichnung mithilfe des Trennzeichens – bei mir der Doppelpunkt – von der weiblichen zu trennen. Bleiben wir beim Beispiel Ärzt:innen. Dann wäre die männliche Grundbezeichnung der Ärzt, richtig? Gemerkt? Bei Architekt:innen wiederum klappt es wunderbar.

Es ist noch viel Entwicklungs- und Umsetzungebedarf vorhanden

Auch, wenn das Thema Diversität mittlerweile im Großteil der Köpfe angekommen ist – es hat noch immens viel Umsetzungsbedarf. Jeder Mensch trägt einen Teil dazu bei, Diversität umzusetzen. Aktiv oder passiv. Selbst wenn wir nichts tun, boykottieren wir unbewusst – tun also wiederum doch etwas.

Wir Kreativköpfe können dazu beitragen, mithilfe unserer Texte  Diversität weiter in die Köpfe der Menschen zu tragen, sie im Alltag ankommen zu lassen. Mein Lieblingsmittel hierbei? Sprich deine Leserschaft direkt an. Das umgeht nicht nur die Frage, welches Geschlecht du ansprechen sollst, sondern schafft auch eine persönliche Ebene. Du ziehst die Personen vor dem Bildschirm näher zu dir.

Gute Ausgangspunkte? Adjektive und Verben!

Manche Personenbezeichnungen lassen sich auch durch Adjektive ersetzen. Wenn du zum Beispiel schreiben willst, dass Zahnärzte empfehlen, nach der Reinigung täglich Zahnseide zu verwenden. Dann kannst du genauso gut schreiben:

Der zahnärztliche Rat lautet, täglich nach der Reinigung Zahnseide zu verwenden.

Siehst du? So umgehst du die konkrete Personenbezeichnung. Alternativ kannst du natürlich auch aus einem Verb ein Substantiv machen und – zack! – hast du eine passende Bezeichnung. Beispiele gefällig?

  • die Lesenden
  • die Arbeitenden
  • die Studierenden
  • die Liebenden
  • die Lehrenden

Okay, wir haben also jetzt besprochen, warum Gendern so wichtig ist und welche Möglichkeiten du hast. Meine Favoriten in der Umsetzung habe ich dir bereits gezeigt. Wie sieht es denn mit dir aus? Genderst du bereits in deinen Texten? Wenn ja, welche Variante nutzt du? Wie sprichst du deine Leserschaft an?

Hat dir der Artikel gefallen? Hast du ein paar neue Anreize mitnehmen können? Super! Dann würde ich mich sehr freuen, wenn du mir einen Kommentar oder ein Like hinterlässt. 

Über die Autorin

Carina

38, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und Texten. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de
0 0

Average Rating

5 Star
0%
4 Star
0%
3 Star
0%
2 Star
0%
1 Star
0%

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.