Leben mit AD(H)S und Autismus

ADHS und Autismus im Alltag: Der Kampf mit dem Chaos

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Haushalt ist etwas, das wahrscheinlich sehr viele – ich würde sogar fast soweit gehen zu sagen, die meisten – Menschen nicht mögen. Ebenso werden die meisten Menschen aber auch gelernt haben, wie sie ihren Haushalt zu führen haben und das auch entsprechend umsetzen können. 

Ich gehöre ebenfalls zu den Menschen, die Haushaltsaufgaben nicht mögen. Das war schon immer so. Wenn ich ehrlich sein soll, hasse ich sie sogar. Aber nicht, weil es viel Arbeit macht. Oder weil es zeitraubend ist. Nein, das Problem geht viel tiefer. Ein Problem, das viele Menschen mit ADHS und/oder Autismus haben. Und über das immer noch nicht viel gesprochen wird, weil man dann in der Gesellschaft schief angesehen wird. 

Leben am Rande des Chaos - und manchmal mittendrin

Viele ADHS-ler*innen und Autist*innen haben Probleme mit dem Haushalt. Das liegt zu einem großen Teil an der Exekutiven Dysfunktion, die bei beiden Störungen vorhanden ist. 

Seiteninfo: Die Exekutive Dysfunktion tritt nicht nur bei ADHS und/oder Autismus auf. Sie kann sich unter anderem auch bei verschiedenen anderen psychischen Störungen zeigen, wie zum Beispiel: 

  • Schizophrenie
  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Borderline Persönlichkeitsstörung
  • Bipolare Störung

und noch mehr Neurodivergenzen. 

Diese wirkt sich zum Beispiel auf unsere Impulskontrolle, unseren Antrieb und unser gesamtes Verhalten aus. In den verschiedensten Facetten. Und damit das ganze spannend bleibt, können diese über die Jahre sogar wechseln! 

Auf jeden Fall spielt diese Dysfunktion eine große Rolle, dass wir Probleme mit der Ausführung bzw. Durchführung von scheinbar simplen Haushaltsaufgaben haben. Aus den verschiedensten Gründen. Zum besseren Verständnis ein paar Beispiele aus meinem persönlichen Alltag: 

Wäsche waschen und aufhängen

Wäsche anstellen und Wäsche aufhängen sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe für uns. Um das mal so deutlich zu sagen. Es kommt unendlich oft vor (und mittlerweile weiß ich zum Glück, dass ich damit nicht alleine bin), dass ich die Wäsche anstelle – und das dann komplett vergesse. Mit der Konsequenz, dass die Wäsche mitunter eine Woche oder so in der Maschine vor sich hingammelt und ich sie gleich mehrmals waschen darf, bis sie final auf meinem Wäscheständer landet.

Das liegt übrigens NICHT daran, dass ich nicht mitbekomme, wenn sie fertig ist. Unsere Maschine dudelt nämlich recht hörbar eine ziemlich schrille Melodie. Vielmehr ist es eine Mischung aus Antriebsstörung und Prokrastination. “Mach ich gleich” kann hier schnell zum Verhängnis werden!

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Einkäufe auspacken und einräumen

Ich komme vom Einkaufen, stelle die Einkaufstaschen in der Diele ab, räume zu kühlende Sachen direkt weg – und lasse den Rest “erstmal” stehen. Hier spielen gleich mehrere Faktoren eine Rolle. Der größte davon ist, dass ich durch die vielen Reize beim Einkaufen (Menschen, Gerüche, Lichter, Situationen, etc.) je nach Tagesverfassung komplett überreizt bin. 

Zum Zeitpunkt, wo ich wieder zu Hause ankomme, gleicht mein Kopf einem Tornado, meine Emotionen einer mentalen Version von Minesweeper und ich schwanke zwischen heulen, schreien, springen, mich ins Bett verkriechen und bis zum Morgen nicht mehr rauskommen. Und nein, ich übertreibe nicht! 

Das erste, was ich also mache, wenn ich merke, dass nichts mehr geht: In gewissem Sinne Schadensbegrenzung. Ich packe das aus, was unbedingt gekühlt werden muss, weil es sonst schnell verdirbt. Alles andere lasse ich vorerst in der Tasche an Ort und Stelle und gehe in mein Zimmer, um “wieder runterzukommen” und mich zu beruhigen. 

 

 

Und das ist der Moment, wo die Antriebsstörung wieder ins Spiel kommt! Einmal aus der Szenerie raus können zwei verschiedene Sachen passieren: 

  • Ich bin entweder so überreizt, dass ich den Arsch überhaupt nicht mehr hochkriege.
  • Sobald ich wieder ruhig bin, mache ich das erstbeste, worauf mein Gehirn in diesem Moment anspringt. Scrollen am Handy, Serien gucken am PC, Schreiben, Malen – manchmal sogar eine Wäsche anstellen, wenn mir das spontan einfällt! 

Und dann greift wieder das für ADHS-ler*innen typische “aus den Augen, aus dem Sinn”. Wenn ich nicht gerade über die Tasche stolpere oder etwas daraus benötige, dann vergesse ich komplett, dass sie noch da ist. 

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Offene Schränke, liegen gelassene Dinge

Okay, hierfür fällt mir keine bessere Überschrift ein, denn es handelt sich bei den verschiedenen Sachen um denselben Hintergrund. Ich weiß, dass meine Mutter sich damals oft über diese Sachen aufgeregt hat – und auch mir fallen sie an meinem Kind auf. 

Wenn wir an den Schränken etwas suchen – egal, ob wir es gefunden haben oder nicht! – , vergessen wir unglaublich häufig, die Türen oder Schubladen wieder zu schließen. Bis wir das nächste Mal daran vorbeilaufen und uns fragen, warum zur Hölle, der Schrank offen ist. 

Ebenso nervig aber typisch für viele ADHS-ler*innen: Dinge benutzen und einfach liegen lassen, anstatt sie direkt wegzuräumen. Das reicht von Küchenutensilien beim Kochen, Geschirr nach dem Essen bis hin zur Kleidung nach dem Ausziehen. 

Dieses Teenager-Phänomen “ausziehen, fallenlassen und liegenlassen” zieht sich für uns unter Umständen durch unser gesamtes Leben. 

ADHS und die Antriebsstörung: "Mach ich später"

Es ist nicht so, dass wir die Aufgaben, die wir erledigen müssen, nicht sehen oder aktiv die Augen davor verschließen. Vielmehr ist es so, dass sie uns meist dann auf- oder einfallen, wenn wir gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt sind. Egal, ob es die Arbeit ist, wir mitten in einem Hobby stecken – oder vielleicht gerade nur auf der Toilette sitzen oder unter der Dusche stehen. 

Dann schießt uns der Gedanke in den Kopf: “Das muss ich gleich noch machen.” Das Problem hierbei: Für uns ADHS-ler*innen gibt es kein gleich oder später. Es gibt JETZT oder GAR NICHT. So witzig das klingt und so nervig das im Alltag ist. In unserem Kopf herrscht da Schwarz-Weiß-Denken. 

Jetzt könnte man ja denken: Eine To-do-Liste könnte hier Abhilfe schaffen. Jein. Alles schon probiert. Mit mäßigem bis keinem Erfolg. Auch hier wieder aus verschiedenen Gründen. Wenn wir alles aufschreiben, was wir tun müssen, sehen wir einen riesigen Berg an Aufgaben auf unserer Liste.

Was dann passiert ist: Wir fühlen uns komplett überfordert! Wo fangen wir an? Was ist das Wichtigste? Wie sollen wir all das überhaupt schaffen? Das ist der Moment, wo unser Gehirn sozusagen den Mut verliert und den Antrieb. Vielleicht machen wir dann noch halbherzig ein oder zwei Aufgaben, sehen aber kein wirkliches Vorankommen in der Gesamtheit und geben entnervt auf. 

 

Was hier helfen kann: Feste Routinen zu entwickeln, die jeden Tag durchgeführt werden und die helfen, diese Überwältigung an Aufgaben im Zaum zu halten, weil die Menge gar nicht erst zustande kommt. Das Problem: Wenn man schon zu tief in diesem Chaos drin steckt, um die Routinen vernünftig – und mit sichtbarem Effekt – durchführen zu können, dann stecken wir in einer Dauerschleife aus Anfangen und Aufgeben. Die Gefahr daraus: Die Chaosstrukturen können unter Umständen die Ausmaße des Messie-Syndroms erreichen, ohne dass die betroffene Person aus eigener Kraft etwas dagegen tun kann, obwohl sie das Problem sieht und es selbstständig beheben will!

Dann hilft manchmal nur ein relativer “Kahlschlag” mithilfe von anderen Personen, um eine vernünftige Grundlage für Routinen und Strukturen zu schaffen. 

Autismus und Überreizung: Vom eigenen Chaos überfordert

Das ist eine Sache, die ich immer wieder bei mir selbst feststelle, wenn ich wieder in dieser Dauerschleife gefangen bin. Es ist nämlich so: Als Autist*innen mögen wir kein Chaos. Wir brauchen klare Strukturen, um uns wohlzufühlen.

Deshalb zeigen viele von uns auch dieses Verhalten, dass wir Dinge sortieren, in einer Reihe hinlegen, alles gerade sein muss, wir ungerade Anzahlen nicht mögen, etc. Es macht uns unruhig, überreizt uns. Das kann sogar soweit gehen, dass wir uns körperlich richtig schlecht fühlen, bis der Auslöser behoben oder außer Sicht ist. 

Wenn ich also in diesen Chaos-Phasen feststecke, dann überfordert mich eben jenes Chaos so immens, dass ich in eine Art Paralyse verfalle, die es mir unmöglich macht, das Chaos aus eigener Kraft wegzuschaffen. Der logische Verstand weiß: Wenn man jeden Tag ein kleines Bisschen wegbringt ist das Problem irgendwann erledigt. Der Kopf grätscht dann aber rein: Wohin soll ich mein Altglas bringen, ohne eine halbe Weltreise mit der Bahn machen zu müssen?

Hier springen übrigens oft die sogenannte Rejection Sensitive Dysphoria (RSD) oder eine komorbide Sozialphobie ein. Für RSD gibt es keinen spezifischen deutschen Fachbegriff. Man kann sie aber grob übersetzen mit “Pathologische Angst vor Ablehnung”, doch das trifft es nur in Teilen. Darauf gehe ich in einem anderen Artikel ein und verlinke diesen dann. 

Sowohl die RSD als auch die Sozialphobie führen mit negativen Gedankenstrudeln zu einer Blockade, die uns davon abhält, die Aufgabe durchzuführen. Beim Beispiel “Altglas wegbringen”: Was denken die Menschen in der Bahn, wenn du mit schweren und lauten Altglastaschen in der Bahn fährst? Halten sie dich für eine “Pennerin”? Für einen Loser? Der sein Leben nicht unter Kontrolle hat und nie haben wird? Was, wenn sie recht haben? 

Ähnlich verhält es sich mit Altkleidern und Altpapier. Fehlende Container in fußläufig erreichbarer Nähe sind für uns schon ein lähmendes Hindernis, wenn man kein eigenes Auto hat. Erst recht für gemischte Müllsäcke, wenn man im Bestreben, aufzuräumen, alles in einen Sack geworfen hat. Da kommen schnell viele Müllsäcke zusammen, die sich aber schlecht über den eigenen Hausmüll entsorgen lassen. Schließlich hat man ja auch noch Nachbarn, die ebenfalls Hausmüll haben. 

Und so sind wir mit dem Vorhaben, wieder Ordnung in unser Zuhause zu bringen, komplett überfordert. Gleichzeitig überreizt uns das Chaos, frustriert uns unsere eigene Unzulänglichkeit, widert uns manchmal regelrecht an. 

Die Moral von der Geschichte? Chaos hat nicht immer mit Faulheit und Disziplin zu tun

Um das hier einmal deutlich zu sagen: Ich schreibe die ganze Zeit vom Chaos – Das schließt für mich nicht nur das Aufräumen und die Ordnung ein. Auch regelmäßiges Putzen wird für uns zur Herausforderung oder sogar zu einem unüberwindbaren Hindernis, wenn wir in diesem Dauer-Loop stecken. 

Für viele Außenstehende, gerade neurotypische Menschen, sieht das nach Faulheit oder fehlender Disziplin aus. Das ist nicht der Fall! Und dass wir das unserem Umfeld nicht begreiflich machen können, setzt uns zusätzlich zu unseren Selbstvorwürfen, unseren Selbstzweifeln, weiter unter Druck. 

Was da im Hintergrund bei uns im Kopf abläuft, sind verschiedene Dauerschleifen, aus denen wir nicht herauskommen: 

  • die Überforderung aus Aufräumen und Aufgeben
  • die eigene Überforderung durch die Reize, die wir uns praktisch selbst geschaffen haben
  • die Angst, dass andere uns für komplette Versager und nicht lebensfähig halten – so wie wir selbst (die unbewusst übrigens durch unterstellte Faulheit oder unbedachte Kommentare weiter geschürt wird. Meist ohne es zu wollen.)

Diese Dauerschleifen und Erwartungen und Selbstvorwürfen und externen Vorwürfen führen zu einem immensen Leidensdruck, der unter Umständen zu Depressionen und Angststörungen führen kann, sofern sie nicht schon vorhanden sind. 

Bei bereits vorhandenen, komorbiden psychischen Störungen kann dieser Druck zu weiteren Schüben führen. 

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1982er Baujahr, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und ADHS. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de

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