Leben mit AD(H)S

Kinder, ADHS und Motivation: Wie soll die Zukunft aussehen?

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Kinder mit AD(H)S haben nicht selten Probleme in der Schule. Eigene Organisation, unterschiedliche Strukturen und Vorgaben in jedem Fach. Eine Flut an Informationen, Eindrücken und Ablenkungen. Zu allem Überfluss kommt noch hinzu, dass die meisten Fächer für sie gähnend langweilig sind und oft nicht mehr als ein notwendiges Übel. Entsprechend sehen oft die Noten aus, die ja für die Zeit nach der Schule gar nicht so unwichtig sind.

 

Ein schier endloser Kreislauf aus Überforderung, Frust, Ärger und nicht selten auch Angst und Depression. Aber muss das wirklich so sein? Ich als AD(H)S-Mutter mit einem AD(H)S-Teenager habe die Erfahrung gemacht, dass es auch anders geht. Ein Erfahrungsbericht für euch aus erster Hand.

Unerkannte AD(H)S in der Grundschule: Drama, Baby!

Als die Kindergartenzeit sich dem Ende neigte, standen mein damaliger Mann und ich vor der Wahl, auf welche Grundschule wir unser Kind schicken wollten. Nah sollte sie sein und gut erreichbar. Aber gute Bewertungen sollte sie auch haben. Wir entschieden uns gemeinsam für eine Montessori-Grundschule, die sich nur fünf Gehminuten von unserer Wohnung befand.

 

Uns faszinierte das Konzept von Maria Montessori, das die Schule umsetzte. Es sah vor, den Schülern Strategien, Strukturen und Hilfsmittel an die Hand zu geben, die ein angeleitetes, selbstständiges Lernen ermöglichen sollten. „Hilf mir, es selbst zu tun“ war das Motto von Maria Montessori. In unseren Augen ein grandioses Konzept. Allerdings hat zu dem Zeitpunkt noch keiner von uns geahnt, dass unser Kind AD(H)S hat.

Einer der Kernpunkte waren Wochenhausaufgaben, welche sich die Schüler selbst einteilen sollten. Ich habe auf jede erdenkliche Weise versucht, mein Kind dazu zu bewegen, täglich eine kleine Menge Hausaufgaben zu machen, damit sich nicht alles bis zum Wochenende auftürmte. Fehlanzeige. Zu dem Zeitpunkt wusste ich aber noch nicht, dass ich ebenfalls AD(H)S habe. Diese Erkenntnis sollte bei uns noch bis 2021 dauern. Daher waren aber Struktur und Organisation zu dieser Zeit auch nicht gerade meine Stärken. Das Ende vom Lied war, dass die Hausaufgaben geschoben wurden, bis die Zeit Sonntagnachmittags langsam drängte – was jedes Mal in ganz viel Tränen und Streitereien endete, weil mein Kind sich heillos überfordert fühlte.

 

Ich wusste, wie erbärmlich es sich anfühlte, zum Lernen angehalten zu werden, sich aber völlig überfordert zu fühlen. Daher entschloss ich mich, mir meinem Kind gemeinsam zu lernen. Schaden konnte es nicht, sich die ganzen Basics aus der Grundschule mal wieder ins Gedächtnis zu rufen. Die Noten waren passabel, wenn auch nicht exorbitant gut. Wir waren zufrieden. Wir wussten, dass die weiterführende Schule eine ganz andere Herausforderung werden würde. Nichtsdestotrotz machten wir sprichwörtlich drei Kreuzzeichen, als die Grundschulzeit endlich zu Ende war.

Mit unentdeckter AD(H)S auf der weiterführenden Schule: abrupter Spurwechsel

Wenn ich ehrlich bin, habe ich fest damit gerechnet, dass die Noten meines Kindes auf der neuen Schule ein ganzes Stück absacken würden. Immerhin waren die Anforderungen deutlich höher. Und Hausaufgaben fallen täglich an, nicht für die komplette Woche. Und selbst das hatte ja schon Drama bei uns gegeben. Ich stellte mich also auf jede Menge Diskussionen und eine schwierige Umstellung ein.

 

Zu dem Zeitpunkt interessierte sich mein Kind unglaublich für Videospiele. Aber nicht dafür, wie man in den Spielen möglichst viele Mitspieler ausschaltete, sondern vielmehr dafür, wie bei Spielen wie „Detroit become Human“ die allzu reale Grafik zustande kommt. Das Thema Game Design und die entsprechenden Programme und Studiengänge kamen auf. Wir sprachen offen und ehrlich darüber, dass für ein Studium – egal in welche Richtung – die Noten auf einem guten Level stehen müssen.

 

Ein Hoch auf den Hyperfokus!

Was dann folgte, war ein Paradebeispiel für den eisernen Willen, den AD(H)S-ler entwickeln können, wenn ihnen etwas wirklich wichtig ist! Von der 5. Klasse an dominierten 1er und 2er das Zeugnis meines Kindes. Es setzte sich derart auf den Hosenboden, dass mir so manches Mal vor lauter Staunen der Mund offen stehen blieb. Allerdings zeigte sich auch immer deutlicher, dass die Schule und das Lernen den Energie-Akku meines Kindes immens beanspruchten. Sobald es mittags aus der Schule kam, schlief es praktisch im Sitzen auf der Couch ein. Darum hatten wir die Übereinkunft, dass es sich nach der Schule erst ausruhen und ein oder zwei Stunden schlafen konnte, bevor es sich an die Hausaufgaben machte. Ganz ehrlich: Bei DEN Noten und dem enormen Engagement sah ich nicht ein, warum ich ihm das verwehren sollte.

Bye-bye Game-Design: Wenn möglich, bitte wenden!

Als wir zu Beginn des 8. Schuljahres mitten in der Corona-Pandemie steckten und somit mitten in Homeoffice und Homeschooling, kam das Thema psychische Krankheiten auf. Sowohl bei uns als auch vermehrt in unserem Umfeld. Depressionen, Angststörungen – überall hörte man dieselben Sorgen. Mein Kind hatte schon seit einigen Monaten mit seinem Berufsziel Gaming Designer gehadert und schwenkte plötzlich um. Es beschäftigte sich immer mehr aus eigenem Antrieb mit psychischen Erkrankungen, wie man sie erkannte und was man dagegen machen konnte. Fachartikel, Fachbücher und Videos ohne Ende wurden praktisch verschlungen. Selbst das eigene Taschengeld wurde für Bücher zum Thema Psychologie, aber auch Mimik-Resonanz (der Serie „Lie to me“ sei Dank!), ausgegeben.

 

Jetzt stand die Überlegung im Raum, ein Psychologie-Studium anzustreben. Sei es, um als Psychotherapeut zu arbeiten, oder mit der Mimik-Resonanz in Richtung Polizei zu gehen. Eine Bekannte meiner besten Freundin hatte diesen Weg eingeschlagen, was mein Kind immens inspiriert hatte. Als ich ihm mit dem Numerus Clausus als Argument kommen wollte, konterte er mit sämtlichen Informationen zum Psychologiestudium, Alternativen als Therapeut und dem Numerus Clausus an einer Uni in unserer Nähe, zwei Unis in Schweden, einer in England und einer in Wales. Das Kind hatte an alles gedacht.

 

Hatte ich angenommen, dass die Noten mit nachlassendem Interesse an der Gaming-Branche sinken würden, wurde ich mal wieder eines Besseren belehrt. Das Kind entwickelte einen Ehrgeiz und Selbstanspruch, die mich manchmal wirklich erschreckten. Alles über einer 2 war ein halber Weltuntergang und es dauerte eine halbe Ewigkeit – und kostete eine ganze Menge meiner Nerven – diese Wahrnehmung zumindest ein wenig zu relativieren. Ehrgeiz gut und schön, aber sich selbst runterzumachen, wenn mal eine Drei dazwischen war, war alles andere als gesund.

Kinder mit ADHS: Gut getarnt ist halb – ja, was?

Die Symptome der AD(H)S bei Kindern und Erwachsenen können in unterschiedlicher Intensität auftreten. Je nachdem, wie stark sie sich bemerkbar machen, können sie den Alltag erheblich beeinträchtigen. Wenn sie schwächer ausgeprägt sind oder jemand sie sehr gut kompensieren kann, so dass Außenstehende keine Störung wahrnehmen können, spricht man von einer hochfunktionalen AD(H)S. Ich selbst finde den Begriff nicht so ganz glücklich, denn ich finde, er deutet unterschwellig an, dass Menschen mit stärkeren Symptomen oder sie nicht so gut kompensieren können, niedrig-funktional wären.

 

Fakt ist, dass je nach Stärke der Symptome die AD(H)S in der Schulzeit überhaupt nicht auffällt. Insbesondere, weil viele Lehrer*innen mit dem Begriff immer noch die Hyperaktivitäts-Variante in Verbindung bringen. Ich habe bei Elternsprechtagen versucht, das Lehrpersonal an unserer Schule dafür zu sensibilisieren, dass mein Kind AD(H)S haben könnte, weil es bei mir definitiv so war. Doch wir wurden damit nicht ernstgenommen. Schließlich sind die Noten doch super und mein Kind zappelt auch nicht herum oder fällt sonstwie negativ im Unterricht auf.

 

Was ich schade finde, ist, dass durch solche Scheuklappen der Lehrer*innen viele Kinder mit AD(H)S nicht die Unterstützung bekommen, die es ihnen ermöglichen würde, stressfreier und noch etwas strukturierter zu lernen. Die Schulzeit muss nicht immer ein Kampf sein, aber dazu müssen Zweifel und Anmerkungen der Eltern auch ernstgenommen werden.

Mein Fazit: Ermutigt eure Kinder! Sie schaffen einiges!

Ich weiß, dass Kinder mit AD(H)S wirklich anstrengend sein können. Ich kenne die Geschichten meiner Mutter und ich erinnere mich noch zu gut an die Kleinkind-Zeit meines eigenen Kindes. Und ich weiß selbst, wie verdammt hart das an unseren Nerven zerren kann – erst recht, wenn die Eltern kein AD(H)S haben. Denn dann fällt es ihnen noch schwerer, das Verhalten ihrer Kinder nachzuvollziehen. 

 

Ich denke jedoch – und ich weiß, dass das jetzt so manchem vor den Kopf stoßen könnte – dass wir unsere “AD(H)S-Kinder” manchmal unbewusst zurück- und kleinhalten. Sei es aus Unwissenheit, weil wir nicht um die AD(H)S wissen oder aus Hilflosigkeit, weil wir uns nicht anders zu helfen wissen.

Ich weiß nur, dass ich heute an ganz anderen Stellen stehen könnte, wenn bei mir damals AD(H)S (und die leider mitgelieferte Angststörung, die mich schon in meiner Kindheit quälte) erkannt worden wäre und meine Mutter mich in mancherlei mehr ermutigt und unterstützt hätte. Ich hätte schon viel früher das Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein entwickelt, das ich mir mein Leben lang gewünscht habe und für das ich mein eigenes Kind immens bewundere! 

 

Wenn ich mir den Unterschied zwischen meinem Kind und mir im selben Alter anschaue, dann bin ich traurig, denn ich hätte damals auch gerne meine Ziele mehr verfolgt, habe mich aber schnell entmutigen lassen und nicht nach ähnlichen Alternativen gesucht. 

 

Seid ein Team. Mit der AD(H)S!

Ich sehe an meinem Kind, wie es aufblüht, alleine dadurch, dass es von mir und meiner Familie nicht nur akzeptiert wird, wie es ist, sondern auch ermutigt wird, seine Träume anzugehen und seinen Kopf durchzusetzen. Sich hinzusetzen und für seine Ziele zu arbeiten. Und dann wird gemeinsam gefeiert, wenn Ziele erreicht werden – jeder einzelne kleine Erfolg auf dem Weg. 

 

Traut euren Kindern etwas zu! Ermutigt sie! Und wenn etwas nicht so läuft, wie es soll – helft ihnen. Schafft es gemeinsam.  Seid ein Team – mit der AD(H)S, nicht gegen sie. Denn sie wird immer da sein. Ob wir wollen oder nicht. Aber wenn wir unseren Kindern zeigen, wie sie ihre Stärken richtig einsetzen können, dann machen wir uns nicht nur das Leben mit unseren Kindern ein wenig leichter, sondern auch ihnen selbst ein ganz großes Stück! 

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1982er Baujahr, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und ADHS. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de

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