Leben mit AD(H)S und Autismus

Neurodivergent im Job: Masking bis zum Burnout?

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Neurodivergent zu sein, macht sich nicht nur im Privatleben bemerkbar. ADHS, Autismus und andere psychische Störungen lassen sich leider nicht an- und ausschalten wie eine Nachttischlampe, die man nach dem Aufstehen nicht mehr benötigt. 

Auch im Berufsleben haben wir mit den Eigenheiten unserer Gehirne zu leben. Und nicht selten auch zu kämpfen. 

Wie offen mit Neurodivergenz im Beruf umgehen?

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Denn wie offen man mit seiner Neurodivergenz im Job umgehen kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Den größten spielt hierbei die Akzeptanz im Betrieb. 

Sehr oft haben neurodivergente Menschen die Erfahrung gemacht, dass ihre Störungen und Eigenheiten nicht nur auf Nicht-Akzeptanz stießen, sondern häufig auch zu Mobbing, Ausgrenzung und anderen negativen Konsequenzen geführt haben. Und das je nach Art der Neurodivergenz von Kindheit an. 

Info zwischendurch: Neurodivergenz ist übrigens ein Überbegriff, ein “Schirm” für verschiedene psychische Störungen und Krankheitsbilder. Nicht nur ADHS und Autismus, sondern zum Beispiel auch 

  • Zwangsstörung
  • Posttraumatische Belastungsstörung 
  • Bipolare Persönlichkeitsstörung
  • Epilepsie
  • Tourette
  • Down Syndrom
  • Borderline Persönlichkeitsstörung
  • Dissoziative Identitätsstörung (früher: Multiple Persönlichkeitsstörung)
  • Dyslexie (Legasthenie / Lese-Rechtschreibschwäche)
  • Dyspraxie (motorische Entwicklungsstörung)
  • Schädel-Hirn-Trauma

Viele halten darum mit ihrer Störung im Berufsalltag hinterm Berg. Damit sie nicht negativ auffallen, verlegen sie sich aufs sogenannte “Masking“.  Sie verstellen sich, kopieren ihr Umfeld, imitieren Verhalten, dass sie bei anderen in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen gesehen haben. Sie setzen Tag für Tag eine Maske auf, spielen eine einstudierte Rolle – um nicht aus dem Gesamtbild hervorzustechen. 

Offen mit dem Thema umzugehen ist vielen daher nicht möglich. Ich persönlich habe das Glück, in einer Agentur zu arbeiten, in der Neurodivergenz kein Hindernis ist. In der auch psychische Erkrankungen nicht totgeschwiegen werden müssen. Das hilft mir enorm, einige meiner Masken abzulegen und mich ein wenig offener dort zu geben. 

Mit einigen Kollegen kann ich auch offen über meine Angststörung, die ADHS und meinen Autismus sprechen. Nichtsdestotrotz bin ich auch immer noch vorsichtig, wie vielen Menschen – auch in der Agentur – ich davon erzähle. Denn auch ich habe viele negative Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht.

Mein Chef weiß zum Beispiel von meiner ADHS und meiner Angststörung, offiziell aber nicht von meinem Autismus. Ob er es irgendwo mitbekommen hat oder wirklich nicht davon weiß, kann ich nicht einschätzen. Ich habe ihm gegenüber meine Defizite im sozialen Umgang (gerade auch mit manchen Kunden und im Verkauf) erzählt, das “Kind” aber nicht beim Namen genannt. Nichtsdestotrotz war es erstaunlicherweise in Ordnung für ihn. 

Alles easy mit Masking im Joballtag?

Jetzt könnte man meinen – und das tun leider viele Menschen auch -, dass ja alles in Ordnung wäre, wenn neurodivergente Menschen sich “erfolgreich” an ihre Umgebung anpassen können.

Leider nein. Denn Masking kostet uns Energie. Je nach Grad und Umfang der Maskerade entsprechend mehr oder weniger. Und je nachdem, wie unsere allgemeine Verfassung zu dem Zeitpunkt ist, kann das unseren Energie-Akku ziemlich belasten. Besonders, wenn wir nicht zwischendurch die Möglichkeit bekommen, unsere Masken kurzzeitig fallen zu lassen, Zeit für uns zu haben, und so unseren Akku zumindest minimal wieder aufladen zu können.

Die Folge? Wir verbrauchen oft mehr Energie, als wir eigentlich zur Verfügung haben. Wer regelmäßig sein Konto im Dispo hat, kennt die Gefahr: Das rächt sich irgendwann und dann kann es teuer werden!

Denn irgendwann haben wir nicht mehr die Energie, unsere Störung zu maskieren. Uns zu regulieren. Die Effekte abzuschwächen. Irgendwann brechen wir einfach zusammen. Weil der Akku soweit überzogen ist, dass wir ihn nicht einmal mehr annähernd halbvoll bekommen.

 

 

Die Folge: Burnout

Nein, Burnout ist schon lange keine Krankheit mehr, die nur in sozialen Berufssparten, wie Lehrberufen oder Pflegeberufen oder auch in Managerkreisen vorkommt. Und Burnout hat auch nicht immer mit Stress im Beruf zu tun.

Gerade bei neurodivergenten Menschen wird ein Burnout häufig unter anderem durch zu viel Energieverlust hervorgerufen. Das ständige Masking, permanente Überreizung, der Leistungsdruck (von uns und von extern) leeren unsere Batterien schneller, als wir sie wieder aufladen können.

Meist versuchen wir noch, das in unserem Privatleben auszugleichen. Wir ziehen uns zurück, ruhen uns aus, reduzieren unser Sozialleben außerhalb der Arbeit auf ein absolutes Minimum. Wir tun alles, um unsere Energie zu schonen. Doch oft reicht das leider nicht.

Das Ergebnis: Unser Körper schaltet auf Notbetrieb. Wie das aussieht, ist bei jedem Menschen und je nach Burnout-Phase unterschiedlich. Hier kommt es auch auf die Auslöser an. Manche schaffen es noch, arbeiten zu gehen, andere kommen noch nicht einmal mehr aus dem Bett.


Meine persönliche Erfahrung mit neurodivergenten Burnouts

Als mein allererster Burnout mich Ende 2014/Anfang 2015 schachmatt setzte, wusste ich noch nichts von meiner Neurodivergenz. Damals wurde einfach auf zu viel Stress an zu vielen unterschiedlichen Baustellen spekuliert. Doch die Sache war damals schon komplexer als eigentlich gedacht. Der erste Burnout riss mir vollständig den Boden unter den Füßen weg. Ich konnte 5 Wochen lang noch nicht einmal arbeiten gehen. Und danach habe ich mich auch nur geschleppt, weil ich von dem Krankengeld nicht hätte leben können.

In meinen letzten beiden Burnouts habe ich es geschafft, relativ normal weiterzuarbeiten, weil ich mir zumindest grob der Auslöser bewusst war. Zwar überwiegend im Homeoffice, weil ich so einige Quellen der Überreizung umgehen konnte, aber ansonsten ohne großen Leistungsverlust. Im Privatleben sah es allerdings ganz anders aus.

Ich schaffte es teilweise nicht, regelmäßig einkaufen zu gehen. Stattdessen bestellte ich viel vom Lieferdienst. Ich zog mich von Freunden und Familie zurück, hatte kaum noch soziale Kontakte. Das Aufräumen fiel mir noch schwerer als sonst schon und in ganz schlechten Phasen schaffte ich es noch nicht einmal, regelmäßig zu duschen oder mir die Zähne zu putzen.

Weniger Masking im Job ist oft Luxus

Das Masking zu reduzieren kann die Energiereserven erheblich schützen. Doch wie stark kann man das Masking wirklich zurückfahren? Das muss jeder für sich selbst prüfen. Sitzt man allein im Büro oder mit Kollegen? Wie verständnisvoll sind diese, wenn man zum Beispiel offen Stimming betreibt? Helfen einem schon kleine Reduzierungen? 

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass mir Dinge wie Bewegungsdrang oder sogenannte Stim Toys helfen. In unserer Agentur ist das zum Glück aber auch leicht möglich, besonders in Bezug auf die Bewegung. Wir haben zusätzliche Bürohocker von Swopper, mit denen man flexibel sitzen und sogar im Sitzen wippen kann wie mit einem Hüpfball (das innere Kind freut sich jedes Mal!). Obendrein haben wir höhenverstellbare Tische, so dass ich auch mal im Stehen arbeiten kann und dabei von einem Bein auf das andere wippen kann. 

Außerdem bekommen bei uns die Mitarbeiter mit guten Noise-Cancelling-Kopfhörern die Möglichkeit, sich gegen auditive Reize abzuschotten bei Bedarf oder sich mit eigener Musik zu berieseln. 

Und wenn ich mal merke, es wird mir zu viel, dann ziehe ich mich für ein paar Minuten auf die Toilette zurück. 

Ist Masking generell schlecht?

Nein. Nicht generell. Denn wir können ja – wenn wir den Luxus haben – Masking auch bewusst einsetzen. Wenn wir beispielsweise festgestellt haben, dass ein bestimmtes Verhalten, das wir uns von anderen “abgeguckt” haben, uns unseren Zielen näher bringt. Und Vorteile bringt.

Der Unterschied ist hier, dass wir in diesem Fall das Masking gezielt steuern mit einer anderen Absicht als den Selbstschutz. Dabei sollten wir darauf achten, dass wir einen guten Ausgleich zu dem erhöhten Energieverbrauch schaffen. Regelmäßige Spaziergänge, Sport, Zeit für das Lieblingshobby oder was auch immer uns gerade guttut und unsere Batterien wieder auflädt.


 

Manchmal hilft in letzter Instanz ein Jobwechsel

Wenn wir das Gefühl haben, dass wir uns permanent in unserem Job verbiegen müssen und wir Unmengen an Energie reinstecken müssen, nur um halbwegs mittelmäßig zu sein, kann ein Jobwechsel die letzte Option sein. 

Ja, ich weiß, das macht niemand wirklich gerne und wir “kleben” meist länger an unseren Jobs, als wirklich gut für uns wäre in solchen Fällen. Gerade als Autist*innen fallen uns Jobwechsel noch mal schwerer, da wir mit Veränderungen absolut nicht gut umgehen können. Gerade so große Veränderungen wie Umzüge oder Jobwechsel verlangen uns einiges ab und wir brauchen im Anschluss viel Zeit, um uns wieder zu regenerieren. 

Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es manchmal die letzte verbleibende Möglichkeit ist. Ich habe über 15 Jahre in einem Beruf gearbeitet, den ich zwar gelernt hatte, aber in dem ich nicht gut war, weil mir die soziale Kernkompetenz aufgrund meines Autismus gefehlt hat. Nur wusste ich das leider nicht.

Nach rund 20 Jahren Arbeitsleben habe ich beschlossen, dass ich etwas machen möchte, an dem ich Spaß habe und in dem ich gut bin. Und ich entschied mich zu einem Quereinstieg als Texterin in einem Angestelltenverhältnis. Für mich persönlich hat sich am jetzigen Arbeitsplatz herausgestellt, dass das die beste Entscheidung meines Lebens war. Ein unkonventioneller Weg, aber für mich der beste.

Ich habe mich noch nirgendwo so angenommen gefühlt und so wertgeschätzt, wie dort, wo ich jetzt bin. Und zwar so, wie ich bin. Was mir ehrlich gesagt enorm hilft, meine Baustellen im Privatleben zu akzeptieren und in Baby Steps anzugehen. Für mich ist nicht das Privatleben der Ausgleich zur Arbeit, sondern die Arbeit der Ausgleich zum Privatleben. 

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1982er Baujahr, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und ADHS. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de

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