Leben mit AD(H)S und Autismus

Unentschlossen: Willkommen im Leben mit ADHS und Autismus

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Das ist mittlerweile der fünfte Artikel in zwei Monaten, den ich für diese Seite anfange. Wo die anderen vier Artikel sind? Einer im Papierkorb, die anderen im Nirvana. Warum? Weil ich voll motiviert mit einem Thema gestartet bin, um mittendrin an eben jenem Vorhaben zu zweifeln. Ist das interessant genug? Für wen? Sollte ich doch lieber ein anderes Thema nehmen? Aber welches? Was könnte für euch interessant sein? Denn nicht alles, was ich interessant finde, ist es auch für euch. Oh, das war viel “interessant” in einem Absatz. Nun ja. Ich schreib heute mal Freestyle. Worüber? Das entscheide ich spontan. Warum? Weil ich mal wieder unentschlossen bin. Willkommen in meinem Leben mit ADHS und Autismus! 

ADHS und Unentschlossenheit

Hallo, ich bin Carina und ich bin unentschlossen. Unter anderem. Schon mein ganzes Leben lang. Entscheidungen treffen? Ist mir schon immer immens schwer gefallen. Sehr zum Missfallen meiner Lehrer, meiner Mutter und anderen leidgeprüften Zeitgenossen, die mit mir zu tun hatten oder haben. 

Das geht schon los bei “Was möchtest du essen?” oder “Wo sollen wir hingehen?”. Wenn ich eine Entscheidung treffen soll und mir vorher nicht stundenlang Gedanken gemacht habe, dann bekomme ich an dieser Stelle meist chronisches Schulterzucken. Ebenso, wenn ich zu viele Auswahlmöglichkeiten für etwas habe. Dann fühle ich mich dezent überfordert. 

Heute weiß ich, dass ich nicht zu doof bin. Der Grund dafür liegt in meinem Gehirn: die ADHS und der Autismus lassen mich da manchmal ziemlich anders ticken. Warum ist das so?

ADHS und der Interessenskonflikt

Ein ADHS-Gehirn agiert Interessen-basiert. Will nicht heißen, dass es bei für uns uninteressanten Sachen gar nicht funktioniert, aber da halt nicht so gut. Auf Dinge, die wir als interessant erachten, springt es allerdings an wie ne Katze auf Baldrian. Leider bleibt es nicht zwangsläufig konstant bei einer angefangenen Sache. Denn wie das Leben so spielt, gibt es ja unglaublich viele Sachen auf der Welt, die potenziell interessant sind. 

Gerade im Hobbie-Bereich passiert es mir dann oft, dass ich alles stehen und liegen lasse, weil mir plötzlich etwas vor die Augen gekommen ist, dass ich noch aufregender finde als das, was ich gerade angefangen habe. 

 

An dieser Stelle bitte eine Runde Mitleid für alle Projekte, Beiträge, Schals, Handschuhe und was ich nicht noch alles angefangen und schmählich vernachlässigt oder gänzlich verworfen habe!

Für eure übrigens gleich mit!!

Aktuelle Beispiele gefällig? Bitte schön!

In den letzten Monaten, gerade nach meiner Diagnose war ich Feuer und Flamme dafür, besonders vielen von euch von meiner Reise zu erzählen. Warum? Nicht, um mich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Da seh ich mich nämlich gar nicht gern. Das habe ich schon bei meiner Hochzeit gehasst! Nein, ganz einfach, um anderen Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Denn so hab ich mich all die Jahre gefühlt. 

Ich habe also diesen Blog gestartet. So weit so gut. Parallel dazu habe ich einen Instagram-Kanal eröffnet und kurz darauf auch einen TikTok-Kanal. Weil ich über Instagram viele Leser erreichen wollte und auf Instagram gesehen habe, was für coole TikTok-Videos man machen kann. 

Habe ich die Zeit, alles parallel zu betreiben? Natürlich nicht. Habe ich die Geduld gehabt, mich in die Feinheiten von TikTok und Instagram einzuarbeiten? Wo denkst du hin?! Das Fazit? Die Blogbeiträge plätschern so vor sich hin (wenn ich mich mal für ein Thema entscheiden kann). Instagram und TikTok sind zwar wunderbar zum Doomscrollen und mich ständig von der Arbeit ablenken, aber wirklich aktiv war ich da schon lange nicht mehr. 

 

Die Qual der Wahl: Für welches Hobbie habe ich denn heute Zeit? 

Das Tolle für uns ADHS-ler ist ja: Wir interessieren uns für ganz viele verschiedene Dinge. Das Nervige für uns ADHS-ler ist ja auch: Wir interessieren uns für ganz viele verschiedene Dinge. 

Ja, du hast richtig gelesen! Warum ich das nervig finde? Weil ich so viele Dinge habe, die ich gerne mache, dass ich arge Zeitprobleme bekomme. Wie wir alle wissen, hat der Tag nur 24 Stunden, von denen wir im Idealfall 6-8 Stunden schlafen. 8-10 Stunden gehen für die Arbeit und weitere Zeit für den Arbeitsweg drauf.

Von den 24 Stunden haben wir dann meist effektiv 4-5 Stunden zur freien Verfügung. Wobei “freie Verfügung” ja auch ein wenig Augenwischerei ist. Der Haushalt will nämlich auch noch erledigt werden, wir müssen einkaufen, Wäsche waschen, Essen kochen. Bleiben uns noch 2-3 Stunden pro Tag, bevor wir wieder ins Bett gehen. 

Und dann entscheide dich mal mit ADHS und Autismus, welches deiner 546843157534 Hobbies du JETZT gerne machen möchtest! Horror! 

 

Wochenende: Ausgehen oder Zeit für Hobbies?

So sehr ich meinen Job liebe, so sehr fiebere ich jedem Freitagabend entgegen. Nicht unbedingt, weil ich dann nicht mehr arbeiten muss. Darum geht es gar nicht. Viel mehr darum, dass ich dann etwas mehr als 2 Tage Zeit habe. Zeit für mich, für meine Hobbies – ohne auf eine halbe Stunde gucken zu müssen, damit ich nicht zu wenig Schlaf kriege, um am nächsten Tag noch zu funktionieren. 

Umso mehr fühle ich mich in der Zwickmühle, wenn ich dann von Freunden oder Verwandten Anfragen bekomme, ob ich denn am Wochenende Zeit und Lust auf ein Treffen habe. Hab ich das? Oder will ich lieber für mich sein und in Ruhe meinen Hobbies nachgehen? Mit Sachen, die mir gut tun, abschalten und Kraft tanken? 

Denn das ist auch noch so eine Sache: Treffen mit Freunden und Familie kosten mich jedes Mal Kraft und Energie. Weil ich mich verstellen muss, anpassen muss – aufraffen muss, nach draußen zu gehen, obwohl mein Akku noch von der Arbeitswoche ziemlich leer ist. 

Nicht selten wähle ich dann die Ausrede, ich sei schon verplant, um mich halbwegs galant aus der Affäre zu ziehen. 

Und die Moral von der Geschicht'?

Seien wir ehrlich: Es gibt keine! Ich wollte euch nur mal einen Einblick geben, dass unsere Unentschlossenheit für uns ADHS-ler und Autisten meist genauso anstrengend und nervenaufreibend ist, wie für unser Umfeld. 

Solltest du also das Glück haben, neurotypisch zu sein, und jemand in deinem Umfeld mit ADHS und/oder Autismus ist mal wieder tierisch unentschlossen – sei nicht zu harsch zu ihnen! Sie sind wahrscheinlich genervter als du. 

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1982er Baujahr, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und ADHS. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de

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