Leben mit AD(H)S

ADHS-/Autismus-Diagnose verarbeiten – oder: Vor jedem Hoch kommt ein Tief

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Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich meine ADHS-Diagnose bekommen habe. Die Autismus-Diagnose folgte etwas später. Aber was haben die Diagnosen jetzt für mich geändert? Wie geht es mir mit ihnen? Ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht. Auf TikTok und auf Instagram sehe ich lauter ADHS-ler und Autist*innen, die überglücklich mit ihren Diagnosen sind. Weil sich jetzt endlich ihr bisheriges Leben erklärt. 

Aber, fühle ich mich glücklich? Ich glaube, das ist nicht das richtige Wort. Erleichtert? Schon eher. Aber nicht nur. Denn wenn ich ganz ehrlich zu dir sein soll, dann fühle ich mich seit den Diagnosen nicht nur positiv. Sie haben auch ziemlich viel negativen “Staub” aufgewirbelt. 

Nicht alles eitel Sonnenschein

Die Diagnosen sind eine Sache. Anfangs fiel es mir schwer, mich damit zu identifizieren. Erst recht mit der Autismus-Diagnose. Denn, wenn ich ehrlich bin, denke ich beim Thema Autismus immer an Menschen wie Sheldon Cooper oder The Good Doctor oder ähnliches. Und da sah ich mich überhaupt nicht. 

Als ich mich nach und nach mit ADHS und Autismus auseinanderzusetzen begann, fielen mit immer mehr Parallelen zu meinem Leben auf. Sowohl meine Kindheit als auch mein aktuelles Leben. Jetzt sollte ich doch eigentlich erleichtert sein, dass ich nicht so faul, begriffsstutzig und trotzig war, wie mir viele Jahre unter die Nase gerieben worden war. Ja. Und nein. 

Es war in der Tat eine Erleichterung, eine Bestätigung dafür zu haben, dass mein Verhalten – meine Eigenheiten – nicht auf Trotz, Faulheit oder Begriffsstutzigkeit zurückzuführen waren. Es lag nicht an mir. Oder doch – irgendwie schon. Aber anders, als mir damals immer unterstellt wurde, konnte ich nichts dafür. 

Diagnosen holen alte Traumata ans Licht

Wie viele ADHS-ler und Autisten habe ich in meiner Kindheit und Jugend viele nicht wirklich gute Erfahrungen gemacht. Sowohl zu Hause, als auch in der Schule. Ich habe Erfahrungen mit Schlägen, psychischem Missbrauch und auch Mobbing gemacht. Vieles davon hat Spuren hinterlassen, die ich bis heute noch merke. 

Im Zuge der Diagnosen mich wieder mit meiner Kindheit und Jugend zu befassen – und gerade mit den dunklen Zeiten – hat viele alte Wunden wieder aufgebrochen. Ich bekam Alpträume, Panikattacken, meine Emotionen waren so instabil wie ein Blindgänger, der bei Aufprall nicht detoniert ist. Ein falsches Wort und meine Emotionen konnten über mir zusammenbrechen wie ein Kartenhaus im Herbststurm. 

Mir blieb nichts anderes übrig, als diese Problematik in meiner Therapie anzusprechen und mich mit eben diesen Situationen aus der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Obwohl ich genau das eigentlich nicht mehr tun wollte. 

Nur ein Tief oder schon ein Burnout?

Die letzten Monate waren ziemlich hart. Wenn man es genau nimmt, haben die Diagnosen mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt. Oder vielmehr: komplett aus den Angeln gehoben. Durcheinandergerüttelt wie ein Erdbeben der Stärke 6. Das Fazit? Es stehen nicht mehr viele Steine so, wie sie vorher standen. 

Und das Fieseste überhaupt: Ich stecke wieder mitten in einer Tiefphase, von der ich nicht weiß, ob sie wirklich noch “nur” ein Tief ist oder schon ein Burnout. Das ist nämlich auch noch so eine Sache, die mir vorher nicht bewusst war, aber erklärt, wieso ich bereits zwei Burnouts hatte: Sowohl ADHS-ler als auch Autisten leben mit einem deutlich erhöhten Risiko für Burnout und erleben diese in ihrem Leben erheblich häufiger. 

Wenn ich ganz realistisch betrachte, dass ich meinen Haushalt gerade mal wieder überhaupt nicht geschafft kriege und sogar Probleme habe, mich selbst am Laufen zu halten (und das schon seit mehr als zwei Monaten), sieht das nicht mehr wie ein normales Tief aus. Und dass ich in den letzten Wochen bei jedem Infekt ganz laut “Hier” schreie, spricht auch eher für ein Burnout. Denn mein Körper zieht langsam aber sicher die Reißleine. 

Deshalb habe ich das einzig Richtige für mich gemacht: Ich habe mir zwei Wochen Urlaub genommen. Übrigens der erste für mich in diesem Jahr. 

Kleiner Exkurs

Warum sind ADHS-ler und Autisten anfälliger für Burnouts?

Autisten und Menschen mit ADHS sind offener für Reize aller Art, die uns im Alltag begegnet. Gerüche, visuelle Reize oder Geräusche nehmen wir ungefiltert war und können dadurch überfordert werden. Hinzu kommt die Exekutive Dysfunktion, die bei beiden Gruppen vorliegt, ebenso wie das Masking, um sich anzupassen oder zumindest im Umfeld nicht negativ aufzufallen.

Wir haben einige Einschränkungen und funktionieren im Alltag häufig anders als neurotypische Kollegen. Daher müssen wir oft erheblich härter arbeiten, um denselben Standard halten zu können wie unsere Kollegen. 

Es spielen noch mehr Faktoren hier hinein, aber nehmen wir allein mal diese Faktoren zusammen, erklärt sich, warum bei ADHS-lern und Autisten häufig eine starke körperliche, geistige und/oder emotionale Erschöpfung auftritt. Diese kann so stark sein, dass uns alltägliche Fähigkeiten wie das Aufräumen, Putzen – oder auch Duschen und Zähneputzen – gänzlich verloren gehen können für diese Phase und unter Anstrengung wieder “antrainiert” werden müssen. 

Fehlende Anerkennung im Alltag ist frustrierend

ADHS-ler und Autisten, die – wie ich – ihre Diagnose erst spät als Erwachsene bekommen, haben meist ihr ganzes Leben damit verbracht, sich permanent an ihr jeweiliges Umfeld anzupassen. Um hineinzupassen. Nicht anzuecken. Nicht negativ aufzufallen. Um irgendwie “dazuzugehören”. 

Wir geben unser Bestes, um so normal wie möglich zu wirken, obwohl wir in unserer Kindheit und Jugend oft mehr als genug gehört haben, wie komisch oder unnormal wir doch sind. Wir kopieren das Verhalten unserer Umgebung, unterdrücken unsere Eigenheiten, behalten unsere Probleme und Neuigkeiten für uns. Und oft klappt das unglaublich gut. Nur merken wir leider oft nicht, mit welchem Energieaufwand wir dafür bezahlen. 

Wenn wir dann im Erwachsenenalter unsere Diagnosen erhalten haben und andere Menschen damit konfrontieren oder sie darüber informieren oder unser Verhalten damit erklären wollen, dann hören wir oft dieselben frustrierenden Sätze: 

  • Du siehst aber gar nicht nach ADHS / Autismus aus!
  • Das ist kein ADHS / Autismus – das ist menschlich. Das haben andere Menschen schließlich auch. 
  • Schiebst du jetzt alles auf dein ADHS / Autismus oder hast du auch noch eine eigene Persönlichkeit?
  • So ein Quatsch! Du musst dich nur mehr anstrengen. Du hast das doch bisher auch geschafft!
  • Du musst nur mal mehr unter Leute, dann wird das auch wieder
  • Heutzutage hat jeder für alles eine Diagnose!

Diese Sätze können von Arbeitskollegen und Bekannten kommen, aber ebenso von Freunden oder auch aus der eigenen Familie. In manchen Momenten fühle ich mich wie Don Quijote im Kampf gegen Windmühlen. Manchmal macht es mich nur wütend oder traurig. Oft habe ich aber gar nicht mehr die Energie, diese Diskussion zu führen. 

Leben nach den Diagnosen fühlt sich an wie ein IKEA-Bausatz

Einerseits bin ich dankbar für die Diagnosen, denn dank ihnen weiß ich, warum ich anders ticke und dass viele “normale” Dinge bei mir einfach nicht so funktionieren wie bei anderen. Ich bin nicht zu blöd oder zu schwach oder zu faul – mein Gehirn arbeitet einfach anders. 

Auf der anderen Seite möchte ich manchmal schreien, so frustriert bin ich.  Denn mal wieder wurde mein Leben, das ich mir mühsam aufgebaut habe, zerschlagen. Das Bild oder vielmehr die Fassade, die ich sorgsam für mein Umfeld gebaut habe, ist in sich zusammengefallen. Wurde zertrampelt wie eine Sandburg von irgendeinem kleinen Kind am Strand, das keinen Bock hat, nach Hause zu gehen. 

Wieder einmal darf ich die Scherben zusammensuchen. Akribisch untersuchen, was zusammengehört, was sich kitten lässt und was nicht. Manchmal fühle ich mich, als wäre mein Leben ein IKEA-Bausatz – viele Teile, aber keine gescheite Anleitung. Der optimistische Teil in mir sagt: “Cool, umso mehr Gestaltungsmöglichkeiten hast du!” Der pessimistische Teil in mir sitzt heulend in der Ecke und fragt sich, wie er das jemals schaffen soll. 

Nach jedem Tief kommt ein Hoch

Zu wissen, dass es irgendwann wieder bergauf geht, ist zwar eine Perspektive, aber sie macht den derzeitigen Zustand trotzdem nicht viel besser. Wer in einem Burnout steckt, der ist sich sehr wohl bewusst, dass er die üblichen Haushaltsaufgaben vo nicht allzulanger Zeit mit Links erledigt hat. Und dass er das aktuell nicht mehr kann, frustriert ihn umso mehr. 

Wenn ich mich umsehe, dann wünsche ich mir manchmal, ich könnte in meinem Leben agieren wie in dem Spiel House Flipper. Ein Click und ich kann das Chaos in meiner Wohnung verschwinden lassen. Zu wissen, woran es hakt, und nicht aus eigener Kraft etwas daran ändern zu können, macht mich rasend. Mich selbst zu sehen und zu wissen, dass ich vor zwei Jahren fitter, schlanker, selbstbewusster war – oder zumindest schien – bringt ich an den Rand des Selbsthasses. 

Ich weiß, was ich ändern muss, um mein Leben wieder “in die richtige Spur” zu bringen. Und dass ich aktuell nicht die Ressourcen und Kapazitäten dafür habe, das frustriert mich enorm. Ich weiß, dass jeder kleine Schritt ein Schritt voran ist. Nur manchmal sind die Schritte so winzig, dass sie sich eher anfühlen, als würden sie rückwärts gehen. 

In manchen Momenten trifft das Wort “frustrierend” nicht einmal annähernd, was ich fühle. Aber mir fehlen die Worte, um das zu beschreiben, was wirklich in mir vorgeht. 

Ich weiß, es geht wieder bergauf. Und zu wissen, worauf ich ab jetzt achten muss, wenn ich mein Leben wieder neu aufbaue, ist schon mal ein großer Schritt in die richtige Richtung. Im Internet habe ich gelernt, dass ich mit den Problemen nicht allein bin, wie ich all die Jahre dachte. Es geht vielen ADHS-lern und Autisten so. Allein dieses Wissen hilft enorm. 

Erst die Bestandsaufnahme, dann der Fahrplan

Okay, das nächste Ziel ist also, aus diesem Tief bzw. Burnout wieder herauszukommen. Planlos drauflos zu handeln hat sich in der Vergangenheit nicht gerade als hilfreich erwiesen. Als erstes werde ich meine ADHS-Medikamente wieder für eine gewisse Zeit nehmen, um den Antrieb zu haben, meinen aufgestellten Arbeitsplan auch wirklich Schritt für Schritt durchzuziehen, sofern es mir möglich ist. 

Abgesehen davon ist der erste Schritt, mir ehrlich und ungeschönt jeden Punkt aufzulisten, an dem es bei mir hakt. Wirklich jeden. Diese Bestandsaufnahme ist für mich wichtig, damit ich hinterher sehen kann, wo ich selbst etwas ändern kann und wo ich ohne die Hilfe anderer definitiv nicht weiterkomme. 

Als zweiten Schritt notiere ich mir zu jedem Punkt mindestens zwei Lösungswege. Völlig egal, welche. Manchmal hilft es mir einfach schon, zu sehen, dass es mehrere Wege gibt, dieses Problem zu lösen. So kann ich schauen, welche für mich die leichteste Option ist und im Notfall mehrere Optionen ausprobieren, wenn diese leichte Variante nicht den gewünschten Erfolg bringt. 

Warum schreibe ich über so ein deprimierendes Thema?

Bisher war der Inhalt dieser Seite eher positiv und auch auf meinen Social Media Kanälen bei Instagram und TikTok habe ich anfangs immer versucht, nur das Positive von ADHS zu zeigen. Spätestens seit der Autismus-Diagnose und seit ich mich mehr mit beiden Themen befasse, habe ich aber festgestellt, dass das nicht das reale Leben als ADHS-ler oder Autist widerspiegelt. Und viele andere ADHS-ler und Autisten mögen es auch nicht, wenn ausschließlich die positiven Seiten hervorgehoben werden. Denn es entwertet die weniger positiven Seiten. Wir Autisten und ADHS-ler haben es schon schwer, anderen Menschen begreiflich zu machen, dass wir manchmal echte Probleme aufgrund dieser Störungen haben. Dass uns manches so richtig schwer fällt. und dass beides absolut keine Modeerscheinung ist, auch, wenn man manchmal in den sozialen Medien den Eindruck bekommen kann, es wäre so. 

Ich will zum einen einen realistischen Einblick in das Leben mit ADHS und Autismus geben – so wie es für mich ist. Sowohl ADHS als auch Autismus haben keine fixen “Krankheitsbilder”. Sie sind ein Spektrum mit jeweils ganz vielen verschiedenen Symptomen und Kombinationen und Lebensgeschichten.  Begeht niemals den Fehler, zu glauben, ihr kennt alle ADHS-ler/Autisten, wenn ihr einen kennengelernt habt. Diese Störungen lassen sich nicht pauschalisieren. Was ihr hier lest, gilt für mich. Und ist keine allgemeingütige Beschreibung. 

Zum anderen möchte ich deshalb alle Aspekte hier zeigen, weil wir uns gerade in diesen dunklen Zeiten, in diesen Tiefphasen und Burnouts, allein und einsam fühlen. Erst recht, wenn wir keine anderen neurodivergenten Menschen um uns herum haben, die wissen, wie es uns geht, oder neutotypische Menschen, die verstehen, was gerade bei uns los ist und dafür Verständnis haben. 

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1982er Baujahr, Introvertierter Dickkopf mit Leidenschaft zum Schreiben und ADHS. Mit dem Kopf durch die Wand ist auch ein Weg! Texterin in einer Agentur für Kommunikation und Design. ++ Leise kann auch laut sein! >>> blogs: myhappychaos.de und wortundherz.de

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